Beth Ditto von Gossip gibt alles. Immer. Auch in Ferropolis. (FOTO: PATRICK LIEBACH)
Er ist mittlerweile jedes Jahr dabei. Markus Kavka, ehemaliger Moderator des Musik-Senders Viva Zwei, nennt das Melt! liebevoll "das Booking des Jahres". Keine Frage, die deutsche Festivallandschaft wäre nicht dieselbe, gäbe es dieses Fest in Ferropolis bei Gräfenhainichen nicht.
Im 15. Anlauf liefen die 20 000 Tickets in Rekordzeit über den Tresen. Schon zwei Monate vor Beginn kursierte die Pressemeldung: Restlos ausverkauft. Doch gerade in Anbetracht dieses Erfolges: Haben die bis zu 40 Meter hohen Braunkohlebagger in Ferropolis als Alleinstellungsmerkmal nicht langsam ausgedient?
Interessant war der Event schon immer sowohl für Indie- als auch Elektrofans. Wenngleich der klassische Mainact - wie in diesem Jahre die alte Indie-Instanz Bloc Party, aber auch der Newcomer des Jahres Lana Del Rey - ganz sicher nicht aussterben wird, das stetig wachsende Interesse an elektronischen Klängen hat im Line-Up seine Spuren hinterlassen.
Sturmlocke Alex Trimble, Kopf der Band "Two Door Cinema Club" beschwört trotzdem nach wie vor die großen Gesten den Indierock herauf. Hier wird vereint, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat: Coldplay, Maximo Park, Franz Ferdinand. Stadiontauglich und trotzdem tanzbar. Die Iren machen mit dem neuen Titel "Wake Up" Appetit auf das kommende Album.
Aus dem intro-Zelt dringt ein nicht abbrechendes Echo. Das schwedische Elektropoptrio "Niki & The Dove" werkelt mit Loops und viel Keyboard. Der Gesang von Malin Dahlström weckt Erinnerungen an die Pop-Ikone Cindy Lauper, aufpoliert mit Zeitgeist und einer gehörigen Prise Gypsy.
Unterdessen fährt "Gaslamp Killer" auf der Strandbühne am idyllischen Baggersee sein verrücktes Set auf. Der in Los Angeles lebende Hip Hop DJ verdankt seinen Namen dem Ruf, die Atmosphäre in Clubs zu ruinieren, weil seine ungewöhnlichen Strukturen einfach zu einzigartig seien. Als Indikator dafür, wohin die musikalischen Präferenzen wandern, taugt er allemal. Die Rhythmen sind hart, dumpf, ja, sogar übersteuert. Der Lockenkopf ist ein einziges Energiebündel. Schnelle und harte Übergänge, wirre Soundcollagen rasen den Tanzwütigen gegen die Köpfe. Mit Hip Hop hat das nur noch entfernt etwas zu tun.
Ein Gruß des Künstlers an die anwesenden holländischen Fans, zeigt erst deren zahlreiche Anwesenheit. Marla aus den Niederlanden hat eine siebenstündige Anfahrt hinter sich. Sie ist das erste Mal in Ferropolis. "Gaslamp Killer tritt häufiger bei uns Zuhause auf", so die 25 Jährige, eigentlich aber "stehe ich mehr auf Techno." Die Luft ist geschwängert vom Duft echter holländischer Joints.
Auf der Hauptbühne rocken mittlerweile "Gossip" einen Mammutteil der Indie-Freunde. "Melt! You are the best", schreit Beth Ditto ihre Begeisterung für das Festival in die Nacht, bei der sie mit ihren Bandkollegen nicht zum ersten Mal aufspielt. Durchgeschwitzt ist die massive Frau, die immer wieder für gossip (deutsch: Klatsch) im Zusammenhang mit ihren Pfunden sorgt. Die körperliche Präsenz der Amerikanerin ist nicht anzuzweifeln. Ungeniert entledigt sie sich ihres knallroten und knallengen Kleidchens und rockt wie verrückt. Der darunter zum Vorschein kommende schwarze Body liegt eng an. Bemerkenswert: Eine Generation von "digital natives" sieht sich das Konzert auf dem Big Screen neben der Bühne an, obwohl sich Beth nur wenige Meter entfernt beim anrührenden Whitney Houston-Tribut "I Will Always Love You" fast die Stimmbänder zerreißt.
Im intro-Zelt zieht Thees Uhlmann sein Thees Uhlmann-Ding durch. Seine Hamburger Jungs von "Tomte" hat er daheim gelassen. Der ästhetische Rahmen seines Auftritts bleibt jedoch identisch. Würde nicht sowieso gestanden, Uhlmann bekäme standing Ovations. Sensibler Pop-Rock mit Texten wie " Denn wir singen, um uns zu erinnern" aus "17 Worte" findet nach wie vor Anklang. Nah am Normalo. Und doch so hip. Ohne coole Lederjacke geht bei Thees gar nichts. Die obligatorische Zugabe zum Mitsingen wird angestimmt. Das Publikum ist textsicher.
Morgens um Drei. Vor der Hauptbühne ist es leerer geworden. Die, die nun noch warten, wissen allerdings genau worauf. "Squarepusher" nennt sich der Brite Thomas Jenkinson, der sich mit brachialem Drum'n'Base-Sounds eine treue Fangemeinde aufbaut. Mit einem markerschütternden Intro dirigiert der Squarepusher das Tempo; nach dem die Pumpe pocht. Mit einem markanten LED-Helm ausgestattet, treffen auch die visuellen Reize beim Publikum voll ins Schwarze. Mit Hilfe sich überlagernder, sägenartiger Klänge lässt Jenkinson sogar die Kräne ringsum singen . Ein Höhepunkt.
Beim Melt! macht es die Mischung. Ein Festival der Entdeckungen, des Austauschs. Die Atmosphäre ist familiär, die Stimmung erfahrungsgemäß friedlich. Auf dem Sleeplessfloor, dem Platz für die Schlaflosen, wird rastlos durch ein DJ-Set nach dem anderen getanzt. Hier gibt es keine Pausen. Die beiden bedeutenden Labels "Freude am Tanzen" aus Jena und "BPitch", gegründet von der Berliner Techno-Wegbereiterin Ellen Allien, die auch selber für ganze vier Stunden ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen gewillt ist, geben hier den Ton an.
Diese Vielfalt, die schiere Masse an Qualitätsmusik die sich hier versammelt und erlebbar wird, dass ist es, was das melt! so einzigartig macht. Eine Erfolgsgeschichte. Die nicht per se an die altbekannten Kräne gebunden ist. Stören tun sie gewiss nicht.