Open Air-Theater: In den Straßen von Paris

17.06.2012 19:17 Uhr | Aktualisiert 17.06.2012 19:24 Uhr
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Zazie

Zazie (Annika Ullmann, re) wird von Pedro (Enrico Petters) entführt. Links: Louise Nowitzki als Concierge (FOTO: PAUSCH)

Von katja pausch
Mit "Zazie in der Metro" auf dem Uni-Campus gelingt Regisseur Moritz Sostmann und dem Thalia-Ensemble eine federleichte Sommerkomödie.
Halle (Saale)/MZ. 

Seit wann hat Halles Uniplatz eine Metro-Station? Nun, seitdem das Thalia für seine Sommerproduktion "Zazie in der Metro" den Campus mit Brasserie und Sonnenschirm, mit einem Schuster und seinem dreirädrigen Mini-Auto in einen echten Pariser Straßenzug verwandelt hat, hält dort auch die Metro. Allerdings spielt die Untergrundbahn entgegen ihrer Nennung im Titel des Stücks - von Regisseur Moritz Sostmann nach dem 1959 erschienen Kultbuch des französischen Schriftstellers Raymond Queneau inszeniert - gar keine Rolle, denn sie wird bestreikt.

Sehr zur Enttäuschung des Mädchens Zazie, das von seiner Mutter (Natascha Mamier) für drei Tage zu seinem Onkel Gabriel - herrlich gespielt von Florian Schmiemann - nach Paris gebracht wurde, damit diese ein ungestörtes Wochenende mit ihrem Liebhaber (ein Dandyhafter Frank Schilcher mit wundervoller Haartolle) verbringen kann.

Eine Fahrt mit der Metro war der größte Wunsch der Göre aus der Provinz - nun muss sie sich die Zeit in Paris anders vertreiben. Sie reißt aus und wird wieder eingefangen, provoziert einen Menschenauflauf und trifft auf einen Trödler (Enrico Petters, der gleich in vier Rollen brillierte) mit zweifelhaften Absichten. Als der, inzwischen zum Polizisten gewandelt, die des Diebstahls einer "Blue Dschins" bezichtigte Zazie bei ihrem Onkel abliefert, kommt dessen wahrer Beruf ans Licht: Nicht Nachtwächter ist Gabriel, sondern Transvestit, der in einer Nachtbar tanzt. Seitdem interessiert sich Zazie brennend dafür, ob ihr Onkel denn auch "hormosexuell" (!) sei.

Was Zazie in Paris widerfährt, darüber entspinnt sich eine knapp zweieinhalbstündige turbulente Geschichte, bei der zur Premiere am Samstag das gesamte Thalia-Ensemble vor vollen Publikumsreihen zur Höchstform auflief. Das sowohl im Buch als auch in der Louis-Malle-Verfilmung meisterhafte Spiel mit der im Französischen äußerst temporeichen Sprache ist den halleschen Akteuren durchweg gelungen. Gespannt erwartete das Publikum den Ausspruch der Concierge Laverdure (Louise Nowitzki), im Buch eigentlich ein Papagei gleichen Namens, der sich zum Running Gag entwickelte: "Du quasselst, du quasselst - das ist alles, was du kannst!". Das altkluge, freche Mädchen Zazie, von der Dresdner Schauspielerin Annika Ullmann so glaubhaft verkörpert, dass man deren 28 Lebensjahre völlig ignoriert, macht sich dagegen durch begeistertes Fluchen beim Publikum beliebt: "Am Arsch!" So gut wie alles, was der Kleinen auf ihrem Streifzug durch Paris begegnet, wird mit diesen zwei Worten kommentiert.

Dass Zazie aber auch wortreich argumentieren kann, beweist ihr Dialog mit dem gutmütigen Taxifahrer Charles (Jörg Kunze) auf dem zum Eiffelturm umfunktionierten Geländer am Melanchthonianum. Dort fragt sie Charles: "Warum sagt man immer das, was man sagt - und nicht was anderes?" und verwickelt ihn in einen immer verworrener werdenden Disput über Sexualität, während ihr Onkel Gabriel am Fuße des Eiffelturms über Sein und Schein sinniert: "Paris ist nur ein Trugbild. Alles ist nur ein Traum, nicht mehr als ein in die Maschine getipptes Delirium eines idiotischen Romanciers."

Mit einigen Verwirrungen, bei denen ein Fremdenführer namens Fedor Balanovich (André Hinderlich) ebenso eine Rolle spielt wie die sehr einsame Witwe Mouaque - souverän über den Asphalt gestöckelt von Sophie Lüpfert -, mündet das Spektakel zunächst in der Nachtbar Gabriels in eine Schlägerei und anschließend in eine wilde Schießerei, bei der die arme Witwe dran glauben muss. Zazie, die die ganze Nacht über auf den Beinen war, wird am frühen Sonntagmorgen völlig übermüdet ihrer Mutter übergeben. Auf deren Frage, was sie in Paris erlebt habe, kann Zazie nur antworten: "Nichts. Ich bin nur älter geworden."

Bis auf einige kleine, sicher der Erstaufführung geschuldete Längen, vor allem kurz vor der Pause, ist dem Thalia mit "Zazie in der Metro" eine sehenswerte, wenn nicht gar eine der besten Sommerproduktionen überhaupt gelungen, die nur noch schönes Wetter braucht - sonst nichts.

Weitere Vorstellungen Montag, Dienstag und am 23. Juni, jeweils 20 Uhr