Szene mit Uta Livingston und Andreas Schager (Siegfried). (FOTO: KIERMEYER)
Am Ende nahm erneut das gesamte Orchester auf der Bühne Aufstellung, in dessen Mitte Generalmusikdirektor Karl-Heinz Steffens, Initiator des deutsch-deutschen Ring-Projektes Halle-Ludwigshafen. Da gab es kein Halten mehr im Opernhaus der Saalestadt, der zuvor schon große Beifall für alle Beteiligten in Richard Wagners "Siegfried" steigerte sich noch einmal.
Kann also der dritte Teil der Ring-Tetralogie in der Lesart des Gespannes Steffens (musikalische Leitung) und Hansgünther Heyme (Regie, Bühne, Kostüme) als geglückt bezeichnet werden? Ohne Abstriche trifft das für die Interpretation der Wagnerschen Partitur durch die Staatskapelle Halle zu, die alles entfaltete, was nötig ist, um den hochgesteckten musikalischen Intentionen eines Richard Wagner gerecht zu werden.
Seien es die bis ins Mark gehenden Bläsersätze in der Schmiedeszene des ersten Aktes, das impressionistisch-flirrende Waldweben und der Solohornruf im zweiten Akt oder die ob ihrer Auslagerung auf die Zuschauerbalkone himmelsgleich herabtönenden Harfenklänge am Ende des Abends samt Siegfried-Idyll in der Liebesszene- die Partitur blieb geradezu fassbar. Dazu gesellte sich ein Wunder: Ein Siegfried, der nicht nur unbeschadet aus dieser Mammutpartie - die als längste der Musikgeschichte gilt - hervorging, sondern sich sogar noch Steigerungsmöglichkeiten offenhielt. Die Stimme des Österreichers Andreas Schager, der in Halle den Siegfried als Debüt gab, hatte alles, was ein Wagner-Tenor braucht. Dazu kommt blendendes Aussehen, was ihn geradezu prädestinierte für den Typus des modernen Helden.
Was allerdings ein solcher Held per Definition ist, hatte ein deutschlandweites Jugend-Projekt unter dem Namen "Create Siegfried!" ans Tageslicht gebracht: nach der preisgekrönten Lesart des achtzehnjährigen Gülser Dogan sind "Helden "Niemande", die durch eine besondere Leistung zu einem "Jemand" werden". Der Siegfried dieser Inszenierung hatte etwas von einem pubertierenden Jugendlichen, der zu Zornesausbrüchen neigt und mit seinem Ziehvater Mime einerseits bitterböse Possen treibt, andererseits doch dessen zaghafte Zärtlichkeiten über sich ergehen lässt. Der über Kraft und Geschick verfügt und dennoch von einer zum Komischen neigenden Naivität ist, bis er zu den Heldentaten aufbricht, die ihm allerdings schon per Geburtsschein vorgegeben sind.
Am Anfang, im petrolchemischen Labor samt Dampf und Feuer, hat die Inszenierung ihre größten Stärken. Mime, zum Bürokraten zurechtgestutzt, der seine Boshaftigkeit mit lächerlichen Versuchen von Liebenswürdigkeit verbrämt, wacht über seinen Zögling wie über seine eigenen Gedanken, die er in endlosen Notizen zu Papier bringt und die nur um den Rückgewinn der absoluten Macht in Form des einst von ihm geschmiedeten Ringes kreisen.
Die Stimme von Ralph Ertel tönt dazu klar, ab und an auch schneidend, aber fast zu makellos, um unterschwellige Gier und Hass zu illustrieren. Trotzdem sprühen orchestrale Funken, echte Flammen lodern auf, es zischt und dampft in der herrlichen Szene, als Siegfried das eigentlich unschmiedbare Schwert schmiedet. Das ist frisch und macht Lust auf mehr solch effektvolles Theaterspektakel.
Die inszenatorische Frische verblasste allerdings sukzessive in den weiteren Akten, während das musikalische Niveau keinen Augenblick absank. Im zweiten Aufzug hielt der Wanderer Wotan - wie schon in der "Walküre" mit kraftvoller Mittellage interpretiert von Gérard Kim - die Fäden des Geschehens im wahrsten Sinne des Wortes in den Händen. Als Schaubühne mit wechselnden, aufgemalten Bühnenvorhängen erscheinen Wald, Drache und der Schatz - sinnigerweise als Goldbarren, die am Ende blutüberströmt sind. Auch die Protagonisten scheinen vom Wanderer gesteuert und in das beinah plakative Geschehen hineinzustolpern. Der erneut von Gerd Vogel bravourös geradlinig-böse gesungene Alberich erwartet den Drachentöter. Der Waldvogel (mit lichter Höhe: Ines Lex) wird gar an Marionettenfäden geführt und der Kampf mit dem Drachen lediglich durch Verschieben der aufgedruckten Bilder vermittelt.
Das hatte auch komische Momente, war aber zu wenig, um einen durchgängigen Spannungsbogen zu erzeugen. Wäre nicht die Musik gewesen, hätte der Schlussakt gar zur Farce werden können. So begeisterte im intensiven Zwiegespräch mit Wotan-Wanderer die satte dunkelfarbige Stimme von Deborah Humble regelrecht, trotzdem sie immer wieder an Fäden auf- und abgelassen wurde.
Und in der Erweckungsszene erhob sich Brünnhilde eher von einem blutbefleckten Totenbett als von einem Brautlager. Das kraftvoll-hochdramatische Stimmmaterial von Lisa Livingston harmonierte trotz eines Zuviels an Vibrato zumindest vokal mit der Strahlkraft des Siegfried. Optisch allerdings erfüllte sie alle Negativklischees einer Wagner-Heroine. In jungfräulich spitzenbesetztes Weiss gehüllt und mit rotblond wallendem Haar ausgestattet, war kaum nachvollziehbar, wie der modern angelegte Held dieser Frau erliegen konnte.
Nächste Vorstellung am 1. Mai, um 16 Uhr.