Oper in Halle: Festakt würdigt Bundeskulturstiftung

22.06.2012 14:39 Uhr | Aktualisiert 22.06.2012 22:29 Uhr
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Bundeskulturstiftung feiert - Lammert

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) spricht beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Bundeskulturstiftung in der Oper in Halle. (FOTO: DPA)

Von Andreas Montag
Mit einem Festakt in der Oper in Halle ist das zehnjährige Bestehen der Bundeskulturstiftung gefeiert worden.
Halle (Saale)/MZ. 

So muss das sein, wenn ein Jubiläum in der Kulturszene zu feiern ist: Der musikalische Auftakt nach Maß, der Himmel heiter mit ein paar stilvollen Wolken bestückt, ein Dichter, ein Staatsminister und ein Ministerpräsident, frohgemute Gäste. Und ein launiger, geistreicher Festredner wie Norbert Lammert, der am Freitag weder ein Vertreter der abwesenden Angela Merkel noch überhaupt ein Festredner sein wollte.

Interventionen kündigte der Christdemokrat stattdessen an, politische Einsprüche, zu denen der Präsident des Deutschen Bundestages ohnehin eine starke Neigung hat. Und während seine Parteifreundin Merkel, die ursprünglich als Rednerin erwartete Bundeskanzlerin, erst nach Rom gejettet war, wo wieder einmal der Euro gerettet werden musste, um später in Danzig den deutschen Kickern den Rücken gegen die Truppe aus dem schuldenbeladenen Griechenland zu stärken, präsentiert sich Lammert beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Bundeskulturstiftung im halleschen Opernhaus in großer Form: „Der Kunst kann der Staat egal sein, dem Staat die Kunst und Kultur aber nicht.“ Die Kulturschaffenden hören es mit erkennbarer Freude.

Am Anfang aber war die Musik. Oder der Applaus, wie man will. „Clapping Music“ von Steve Reich aus dem Jahr 1972 lebt von verschiedenen, einander überlagernden, aber durchgängig treibenden Rhythmen, die von den Akteuren erzeugt werden. Großartig, wie die Künstler vom Ensemble Modern mit nichts als ihren konzentriert gegeneinander geschlagenen Händen eine Balance zwischen angemessenem Ernst und leiser Ironie herstellen.

Der CDU-Politiker Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur, nimmt den Ball denn auch gleich auf und sagt zu Beginn seiner Begrüßungsrede, dass es ein schönes Gefühl sei, soviel Applaus zu erhalten, bevor man überhaupt aufgetreten sei. Und dann, als Neumann die zehnjährige, erfolgreiche Geschichte der Kulturstiftung des Bundes in der „Landeskulturhauptstadt Halle“ mit dem Wirken ihrer Künstlerischen Direktorin Hortensia Völckers verbindet, gibt es schon wieder Beifall, der sich zum Jubel steigert - ganz so, wie man es in einem Opernhaus auch erwartet.

Als Glücksfall für die Kultur preist Neumann die „traditionsbewusste Avantgardistin“ Völckers, ein Titel, durch den man sich wirklich geehrt fühlen kann.

Weniger glücklich dürfte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (auch CDU) gewesen sein, als Neumann ihn als Reinhard Haseloff begrüßte. Aber Politiker kennen keinen Schmerz, Haseloff nimmt nur auf Neumanns Wort von der „Landeskulturhauptstadt“ Bezug, um die Stimmung in seinem Land der Frühaufsteher nicht durch verbitterte Magdeburger zu gefährden: Er als neutraler Wittenberger könne gut zwischen den beiden großen Städten moderieren.

Durs Grünbein indessen, der vielgelobte Großlyriker, geht herzhafter zur Sache. Drei Gedichte vorzutragen sei er gebeten worden, eine Vorbemerkung über Krise, Banken und hohe Renditen gibt es dazu, die man früher Wucher genannt hätte. Ob wir nicht alle Getriebene wären, fragt der Dichter. Und antwortet sich selbst, die einen seien die, die getrieben werden. Die anderen jene, die treiben. Eine allgemeine Verunsicherung hat Grünbein ausgemacht und zitiert den amerikanischen Songpoeten Bob Dylan: „Something is happening here, but you don’t know what it is“, heißt es in dem Stück „Ballad of a Thin Man“, irgendwas passiert hier, aber du weißt nicht, was es ist.

Davon kann bei Lammerts Rede keine Rede sein. Der Bundestagspräsident hatte Klartext vorbereitet, den er pointensicher vorträgt. Über Geld wird natürlich auch gesprochen, aber vor allem über den Umgang mit der Kultur. 9,5 Milliarden Euro fließen in Deutschland aus öffentlichen Kassen in diesen Bereich, 130 Euro pro Jahr und Kopf. So gerechnet, sieht die Aufwendung schon weniger eindrucksvoll aus.

Aber Lammert findet auch, öffentliche Ausgaben müssten gerechtfertigt werden. Zur Haushaltskonsolidierung seien Kulturmittel allerdings denkbar ungeeignet. Dafür gibt es Beifall, Lammert trifft den Nerv der illustren Runde von Gästen aus Kultur und Politik, er redet ihnen nicht nach dem Mund, aber offensichtlich aus der Seele. Auch, wenn er davon spricht, dass Kultur zwar ein unbestrittener Standortfaktor sei („Kultur rechnet sich“), aber nicht auf Wirtschaftsförderung reduziert werden dürfe.

Wie ein roter Faden zieht sich ein Hauch Kapitalismuskritik durch das Festprogramm. Bei Grünbein schon, auch bei Lammert. Und erst recht in den Beiträgen des Ensemble Modern: Hanns Eisler spielen sie, aus der Filmmusik zu „Kuhle Wampe“ - unverkennbar, wenn auch schnell und verjazzt, das Lied von der Solidarität. Und dann, oben drauf, noch einmal Eisler, die Vertonung von Brechts „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“, der Dirigent HK Gruber singt es mit Freude. Die teilt auch Hortensia Völckers. Bewegt wirkt sie, ihr Dank ist herzlich und kurz. Doch: So kann man feiern.