Oper Leipzig: Der Hurrikan macht einen Bogen um die Stadt

08.05.2012 19:01 Uhr | Aktualisiert 08.05.2012 19:10 Uhr
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Stefan Vinke als Jim Mahoney

Hinter Gittern: Stefan Vinke als Jim Mahoney (FOTO: ANDREAS BIRKIGT)

Von joachim lange
Die Oper Leipzig zeigt "Mahagonny" vom Dreigroschenopernduo Kurt Weill und Bert Brecht. Ungefähr jedenfalls.
leipzig/MZ. 

Es kann ja durchaus sein, dass man das belehrende Singspiel über den Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vom Dreigroschenopernduo Kurt Weill und Bert Brecht heute gar nicht mehr überzeugend auf die Bühne bringen kann. Es trägt seine Botschaft von der Macht des Geldes im Kapitalismus und der Verkommenheit der Moral der Menschen so offenkundig vor sich her, dass selbst Regisseure, die sich auf das Bloßlegen von Subtexten verstehen, da nicht allzu viel hinzufügen oder aufdecken können.

Aber wenn man das 1930 in Leipzig (!) samt Nazi-Randale im Saal uraufgeführte Stück, so wie jetzt, wieder auf den Spielplan setzt und dabei jede ernstzunehmende Deutung einfach unterschlägt, wird das Ganze unversehens zu einer bedenklichen Diagnose für das Haus, das nicht erst seit Peter Konwitschnys Rausschmiss ziemlich ins Schlingern geraten ist. Auch von dem eigentlich vorgesehenen Regisseur, dem ausgewiesenen Jungtalent Tobias Kratzer, hatte sich die neue Leitung des Hauses ein paar Wochen vor der Premiere getrennt.

So ist Kerstin Polenske für Regie und Choreografie ziemlich kurzfristig eingesprungen. Sie hätte lieber Nein sagen sollen. Denn nun steht ihr Name über einer szenischen Peinlichkeit sondergleichen. Obwohl sich der Leipziger Wagnertenor Stefan Vinke (als Jim Mahoney), Karin Lovelius (als Witwe Begbick), Soula Parassidis (als attraktive Jenny), Martin Petzold (als Prokurist Fatty), Jürgen Kurth (als Dreieinigkeitsmoses) und all die anderen mit Vehemenz in die Sängerbrust werfen, zündet der Funke nicht. Auch die Angst vor dem realen und metaphorischen Hurrikan, der die imaginäre Glücks-Spielstadt Mahagonny kurze Zeit bedroht und dann doch verschont, bringt es szenisch nur auf ein leichtes Zusammenrücken des Chores. Und aus dem Graben? Das Gewandhausorchester (GMD Ulf Schirmer dirigierte lediglich die Premiere, übergab danach an William Lacey) klingt hier eher nach Salonorchestersäuseln als nach drohender Katastrophe.

Auf der Bühne (Steffen Böttcher) gibt es im Grunde weder den Aufstieg noch den Fall oder überhaupt diese Stadt Mahagonny. Eher eine Nummernshow mit Conférencier (Bert Franzke). Leergeräumt schluckt sie jegliche Atmosphäre. Es gibt nur einen Laufsteg in der Mitte, einen halbwegs bunten Fundus-Mix von Kostümen (Ingo Krügler) und eine Leinwand im Hintergrund. Dazu einen Box-Ring für den Kampf, bei dem Jim Mahoney auf den Falschen setzt und sein ganzes Geld verliert, einen Käfig und einen elektrischen Stuhl für den dann wegen Armut zum Tode Verurteilten. Damit kommt der Abend mit seinen simplen Auf- und Abgängen nicht über den Esprit einer kurz vor der Angst zusammengeschusterten Schultheater-Inszenierung hinaus. Im Stück macht der drohende Hurrikan in letzter Sekunde einen Bogen um die Stadt, denn die Moral der Geschichte besagt, dass man ihn für das Zerstörungswerk gar nicht braucht, sondern das ganz gut selbst erledigen kann. In Leipzig macht man einen Bogen um das Stück. Und erledigt es auf diese Weise. Hoffentlich sich selbst nicht gleich mit.

Nächste Aufführung: am 12. Mai um 19 Uhr in der Oper Leipzig