Die Theologin Margot Käßmann. (FOTO: DPA)
Präses Nikolaus Schneider, Käßmanns Nachfolger im Ratsvorsitz der EKD, sagte in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, es gehe bei diesem Botschafterdienst nicht nur darum, an ein wichtiges geschichtliches Ereignis zu erinnern, sondern auch die inhaltlichen Anliegen der Reformation "allem Volk" zu vergegenwärtigen. Margot Käßmann, die vor zwei Jahren nach einer nächtlichen Alkoholfahrt von ihren Ämtern als EKD-Ratsvorsitzende und Bischöfin der Landeskirche Hannovers zurückgetreten war, griff Schneiders Forderung nach inhaltlicher Auseinandersetzung mit der Reformation auf und unterstrich die Bedeutung des Wortes.
Im säkularen Zeitalter müssten wir den Verstand nicht aussperren, um glauben zu können, sondern dürften ihn nutzen. In diesem Sinne sehe sie Luther weniger als Tröster der Deutschen oder Nationalhelden, wie es gelegentlich früherer Gedenkfeiern der Fall gewesen sei, sondern Luther und die anderen um ihn herum als Denkende, die Glauben und Verstand beieinander halten und jedem Fundamentalismus trotzen - sei er religiöser oder ideologischer Natur. Vielleicht, so Käßmann, sei das für 2017 die zentrale Botschaft: Glauben nicht als Moralinstanz zu betrachten, sondern als radikale Freiheit zur Einmischung in die Welt.
Später erinnerte die Luther-Botschafterin an den historischen Kontext von Gerhard Richters Bildnis seiner "Tante Marianne", die wegen Schizophrenie der Euthanasie zum Opfer gefallen ist. Richters Schwiegervater indes war, was der Maler erst viel später erfuhr, selber als Täter in die grausame "Gesundheitspolitik" der Nazis verstrickt.
Hier fand Käßmann eine Klammer zu dem mitleidenden Gott und ihrer Überzeugung, dass Christinnen und Christen immer wieder aufstehen würden gegen Demütigung, Zerstörung und Worte, die Menschen degradieren. So will sie ihren Glauben weitersagen. Ein starker, auch persönlicher Auftritt. Ganz die Botschafterin eben.