Reiseführer: Kein schöner Land in dieser Zeit

03.08.2012 18:49 Uhr | Aktualisiert 03.08.2012 19:10 Uhr
Fahne des Landes Sachsen-Anhalt (FOTO: ZB/JENS WOLF) 
Von kai agthe
Sehenswertes zwischen Arendsee und Zeitz ohne Frühaufsteherzwang: René Förder stellt 111 besondere Orte Sachsen-Anhalts vor.
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Halle (Saale)/MZ. 

Mit dem Slogan "Wir stehen früher auf" hat sich Sachsen-Anhalt keinen Gefallen getan. Auch jene, die in dem Bundesland leben, verkrampfen die Hände am Lenkrad, wenn der Spruch in Gestalt des Satzes "Willkommen im Land der Frühaufsteher" an den Landesgrenzen entlang an den Autobahnen auftaucht. Die Marketingstrategen wären besser beraten, würden sie nicht auf diese Weise das Land zwischen Arendsee und Zeitz anpreisen. Mit Aufstehgepflogenheiten zu werben, ist reiner Hohn. Denn sie erklären sich mit den langen Arbeitswegen der Sachsen-Anhalter, vielleicht auch mit der Schlaflosigkeit aufgrund von Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst.

Dass Sachsen-Anhalt kein neues, sondern ein sehr altes Bundesland ist, dürfte inzwischen bekannt sein. Auch, was das 1990 aus den Bezirken Halle und Magdeburg hervorgegangene Gebilde zu bieten hat: neben mehr als tausend Jahren Geschichte eine reiche kulturelle Gegenwart. Was abseits der Routen der Entdeckung harrt, stellt der Autor René Förder vor, der in Köln lebt, aber gebürtiger Dessauer ist. 111 Orte in Sachsen-Anhalt, die man gesehen haben muss, porträtiert er im gleichnamigen Buch. Es ist der jüngste Band einer Reihe des Kölner Emons-Verlags, die deutsche Städte und Landschaften im Kurzüberblicken vorstellt. Es geht nicht primär um die Leuchttürme des Landes.

Statt des Magdeburger Domes werden das Grab der Editha in diesem und die Paradiesvorhalle an diesem vorgestellt. Die 1927 eröffnete Stadthalle in der Landeshauptstadt ist für den Autor interessanter als die nur unweit davon gelegene Hyparschale Ulrich Müthers. Auch in Naumburg werden nicht der Dom und die Stifterfiguren präsentiert, sondern mit den drei Elisabeth-Fenstern von Neo Rauch ein Detail desselben. Dafür hat der Autor drei Profanbauten in der Stadt und ihrer Umgebung fest im Blick: das Nietzsche-Haus, das Stadtmuseum Hohe Lilie und das Max-Klinger-Haus.

Richtige Entdeckungen sind so unterschiedliche Sehenswürdigkeiten wie das "Zyklon-B-Mahnmal" in Dessau, wo im Dritten Reich das Giftgas für Vernichtungslager hergestellt wurde; die Wanderdüne in Gommern, die, bevor man Magdeburg nach 1945 wieder aufbaute, 70 Meter hoch war und heute noch 20 Meter misst; ferner die 1624 erstmals erklungene Scherer-Orgel der Kirche St. Stephan in Tangermünde. Überhaupt hat die Altmark allerlei zu bieten. Dazu zählen nicht allein die Zeugnisse der Backsteinarchitektur früherer Jahrhunderte. Als exotisch darf neben dem Würchwitzer Milbenkäse der Umstand gelten, dass mit Heinrich August Berger der Komponist der Nationalhymne Hawaiis aus Coswig stammte. Und mag das Dorf Fucking auch in Österreich zu finden sein, so gehört Pißdorf nach Sachsen-Anhalt.

In der Kürze, weiß der Volksmund, liegt die Würze. Die Beschreibungen der einzelnen Stationen umfassen nur eine Seite, zwingen also zu knapper Darstellung. Fakten müssen nicht nur komprimiert, sondern wollen auch humorvoll formuliert sein. Das liest sich bei René Förder oft leicht und beschwingt, ist aber bisweilen zu gewollt um Witz bemüht. Einige sprachliche Ungenauigkeiten fallen auf: Im Zusammenhang mit der Isenschnibbe in Gardelegen heißt es, dass die KZ im Frühjahr 1945 "geschlossen" wurden. Es hätte besser heißen müssen: evakuiert. Und der Havelberger Dom wurde 1170 von Bischof Anselm von Havelberg gewiss geweiht und nicht, wie etwa ein Autohaus, eingeweiht. Faktisch unrichtig ist, wenn im Zusammenhang mit der Doppelkapelle auf der Neuenburg bei Freyburg gesagt wird, dass sie, die Neuenburg, "von großen Verwüstungen verschont geblieben" ist. Wäre die Wende des Jahres 1989 nicht gekommen, würde die Neuenburg, aufgrund der Vernachlässigung und des daraus resultieren Verfalls in den 70er und 80er Jahren, heute nicht "herrschaftliche Erhabenheit" ausstrahlen, sondern ebenso eine Ruine sein wie die nur wenige Kilometer entfernten Festen Rudelsburg und Burg Saaleck. Alles in allem ist René Förder eine schöne Sammlung mit tollen Orten gelungen.

Das Beste ist: Dank des Buches ist man nicht einmal gezwungen, früher aufzustehen, um diese anzusehen. Wer aber durchs abwechslungsreiche Sachsen-Anhalt-Land reist, sollte das Buch als touristischen Ideen- und Ratgeber mit im Gepäck haben.