Die Eröffnung der Ruhrtriennale ist allemal Chefsache. Und der Chef heißt für die nächsten drei Jahre Heiner Goebbels. Nach Gerard Mortier, Jürgen Flimm und Willy Decker ist jetzt der renommierte, am Eröffnungstag gerade 60 gewordene Komponist, Musiker und Theaterprofessor mit einem höchst subjektiv zusammenstellten Programm für die nächsten drei Jahre an der Reihe.
Es war der gewiefte Theatermanager Gerard Mortier, der ausgediente Industriebauten des Ruhrgebietes zu neuem Leben erweckte. Seither werden damit quer zu den etablierten Theater-Strukturen Räume geöffnet, und im besten Fall auch Antworten auf die Frage versucht, wie eine postindustrielle, globalisierte Gesellschaft ihr Erbe ins Selbstverständnis einbezieht.
Die Jahrhunderthalle in Bochum gehört zu diesen faszinierenden Orten. Sie ist so etwas wie das Zentrum der Triennale, die diesmal ohne übergreifendes Motto auskommt, dafür aber auf künstlerische Grenzüberschreitung und das Gesamtkunstwerk zielt. Heiner Goebbels geht es vor allem um einen zeitgenössischen Musiktheaterbegriff; um das Drama im Kopf der Zuschauer - und das alles jenseits der Repertoirestücke.
Die Eröffnung mit dem Meister der offenen Formen und des absichtslosen Kunstwerkes, John Cage (1912-1992), ist also durchaus programmatisch. In der bildenden Kunst nennt man es Collage, in der Musik Potpourri oder Sampler - bei Cage heißt es "Europeras 1 & 2". Was da 1987 in Frankfurt am Main uraufgeführt (und bislang kaum nachgespielt) wurde, ist ein Musiktheater, das als eine Art Antioper ausgeklügelt dem Zufallsprinzip folgt. Diese Klanginstallation, bedient sich aus sage und schreibe 64 Opern, die andere Komponisten fabriziert haben. Verdi und Wagner, Bellini und Händel, Berg und Mozart sind hier "nur" die Materiallieferanten.
Damit ist die Methode der eigentliche kreative Beitrag des Komponisten für ein Werk, bei dem Ort oder Handlung keine Rolle mehr spielen. Oder eben auch nur eine rein zufallsbedingte, so wie die Protagonisten, die ihre ariosen Bruchstücke ganz unabhängig von ihren Kostümen und Gesten, oder dem was um sie herum passiert oder klingt, als zitierte Rollenschnipsel präsentieren. Freilich lässt der Regisseur Heiner Goebbels den Raum in seiner (90 Meter!) Tiefe "nur" wie einen zu groß geratenen Guckkasten bespielen. Er zelebriert dabei, im Bunde mit Klaus Grünberg (Bühne, Licht und Video) und Florence von Gerkan (Kostüme), in 32 aufwendigen Bühnenbildern vor allem barocke Opulenz der Prospekte und Kostüme für eine Raum-Klang Zeitreise ohne Ziel, die genau auf die Mittel des Genres setzt, das Cage mit seiner Nach- oder Um-"Komposition" aufgebrochen hat. Was in den anderthalb Stunden von "Europeras 1" in die Tiefe des Raumes gestaffelt abgeht, ist also eine Bilderflut zu einem Klangraunen, das die 26 Musiker des Festivalorchesters von allen Seiten beisteuern. Dazwischen tauchen die zehn Protagonisten in Kostümen auf, die auf ein paar Prototypen des Genres eingedampft sind. Von der Diva und dem Verführer, über den finsteren Zylinderträger und Don Giovanni, bis zur Krinolinen-Dame ist alles da. Im zweiten, 45-minütigen Teil dann, dominieren vor kupfergestochenem Piazza-Hintergrund die Stimmen der auf Silhouetten reduzierten Sänger, was wie eine optische Vollbremsung wirkt.
All das erinnert jedenfalls mehr an die im Meininger Theatermuseum liebevoll gepflegten Dekorationen des Theaterherzogs Georg II., als an einen Anschlag auf die Ästhetik des Opern-Pathos, die in Cages Experiment mit der Gleichberechtigung der Mittel intendiert sind. Indem Heiner Goebbels aber vor allem mit erheblichem Aufwand und handwerklichem Ehrgeiz die Methode exzessiv vorführt und dabei doch nur illustriert, entgeht er der Falle nicht, die diese Form dem Ganzen hier stellt.
Am Ende ist es genau, was es nicht sein will, nämlich ein Beispiel für eine technisch aufwendig zelebrierte, verblüffend konventionelle Event- bzw. Hochkultur. Aber die Ruhrtriennale hat ja gerade erst begonnen. Bis Ende September sind 30 Produktionen - darunter 20 Uraufführungen, Neuproduktionen und Deutschlandpremieren vorgesehen.