Saalekreis: Moderne Malerei schmückt Dorfkirche

08.07.2012 19:29 Uhr | Aktualisiert 08.07.2012 21:46 Uhr
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Maler Markus Lüpertz

Seht, ich bringe euch frohe Botschaft: Ganz die eigenwillige Erscheinung, erklärt Markus Lüpertz seine Entwürfe für die Gützer Glasfenster. (FOTO: GÜNTER BAUER)

Von günter kowa
In Gütz, einem Ortsteil von Landsberg (Saalekreis), sollen Werke des Malerstars Markus Lüpertz die wiedererstandene Dorfkirche krönen.
landsberg-gütz/MZ. 

Kein Kaiserwetter beim Empfang des Malerfürsten. Regen rinnt trostlos von den Markisen über den Kuchenständen, aber drinnen in der Gützer Kirche könnte der morgendliche Auftakt zum "Lutherwegsfest" kaum höher gestimmt sein: Aus seinem Teltower Alterssitz ist am Sonnabend Markus Lüpertz (71) tatsächlich angereist, von dem sich der Förderverein der Dorfkirche die Krönung seines schon 15-jährigen Rettungswerkes erhofft.

Diesmal schaut keiner auf das abplatzende Deckengewölbe. Die gespannte Erwartung von gut hundert Landsbergern und ihren Gästen gilt dem Chor der Kirche, die 1970 aufgegeben und dann dem Untergang geweiht war. Vor dem hoch aufragenden barocken Säulen-Altar sind auf mannshohen Leinwänden schwungvoll gezeichnete, in pastosen, verwischten Farben gehöhte Skizzen aufgestellt, die erkennbar auf die Fenster im Chor Bezug nehmen.
Fenster, die nur noch in hunderten von Scherben vorhanden waren, und die der Gützer Förderverein zu Beginn seiner willensstarken Kampagne zur Wiederbelebung der Kirche in Pappschachteln zusammentrug. Als das Bauwerk instandgesetzt war, schrieb der Verein die Restaurierung der Glasmalereien aus. Mit den "Derix-Glasstudios" im hessischen Taunusstein bekam nicht nur eine der anerkannt besten Adressen der Branche den Zuschlag, sondern sie eröffnete auch den Zugang zu ihren Kontakten in die sehr eigene Welt der Gegenwarts-Glasmalerei.

Vor den Festgästen erzählt Ko-Geschäftsführerin Barbara Derix die Geschichte weiter. Die Überreste der Glasfenster erlaubten nur die Wiederherstellung einiger weniger Scheiben. Der Verein stand vor der Wahl, alles Übrige historisierend nachzubilden oder von der Hand eines Gegenwartskünstlers zu ergänzen. Die Delegation votierte für Letzteres. "Das war ein mutiger Entschluss der Gemeinde!" Und noch kühner war es, als Vereinsvorsitzender Rudolf Brinkmann den Vorschlag von Derix aufgriff und bei Markus Lüpertz anrief.

Lüpertz, immerhin, war nicht nur 21 Jahre lang Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie und ist neben Baselitz, Richter, Polke und einst auch Immendorff nicht nur eines der schillerndsten unter den deutschen Malergenies. Er und einige andere haben darüber hinaus der eher kartellartig abgegrenzten Szene der Glasmalerei durch Arbeiten für prominente Kirchen einen Schub versetzt. Und dieser Mann mit der Glatze und Kinnbart steht in knitterigem weißen Jackett vor den Andächtigen, den elfenbeinernen Knauf seines Gehstocks fest im Griff der brillantring-bestückten Hand und sagt: "Die Gützer haben mich entdeckt."

Sie haben seinen Empfang mit Proben virtuosen Könnens eines "kleinen Trompeters" und anderer Landsberger Musikschüler umrahmt und ihr Respekt wächst umso mehr als er entgegen seiner exzentrischen Erscheinung und seinem Ruf als Dandy sein Werk in klaren Worten und fern eitler Posen erklärt. Die vorhandene Ornamentik, sagt er, habe er weiter entwickelt, die erzählerische Idee weitergeführt, die Fenster vervollständigt, aber für Kontrast gesorgt.

So sind von Luther und Melanchthon die in Cranach-Manier gemalten Köpfe erhalten, Lüpertz hebt in seiner Ergänzung aber nur die zu Pranken geformten Hände hervor: Luther schreibt mit Federkiel, Melanchthon doziert über Grundbegriffe, die als Kreis, Quadrat und Viereck geradezu bauhausmäßig symbolisiert sind. Doch die größte Aufmerksamkeit gilt den Gestalten in den Seitenfenstern, von denen keine alten Teile erhalten sind, die er aber dennoch als Quasi-Fragmente ausführt.

Sie sind die Allegorien der jüngeren Geschichte der Kirche und die Hommage an ihre Retter. Zur Linken geht der "Weggucker" mit wegwerfend-ablehnender Geste aus dem Bild, zur Rechten stemmt sich der "Aufbauer" der brechenden Wand entgegen. Es sind behelmte Charakterköpfe in Lüpertz' kraftvoller Manier, im Strich energisch und mit Anklängen an Picasso, im Kolorit ein cremiges Verschwimmen, auf dessen Umsetzung ins Glas man gespannt sein darf.

Aus der Gemeinde meldet sich die betagte Urenkelin des Stifters der ursprünglichen Gläser zu Wort. Oswalt Troitzsch stellte nebst seinem im Krieg gefallenen Sohn das Geld bereit, als die Gemeinde 1910-1917, so wie heute wieder, auf das Reformationsjubiläum zuging. Als sich herausstellt, dass der Großvater 1841 genau hundert Jahre vor Lüpertz geboren wurde, ist das Eis endgültig gebrochen, sofern es welches gab. Die Gemeinde und der von ihr "entdeckte" Künstler wollen unverzüglich ans Werk gehen. Mit ersten potentiellen Sponsoren sei man im Gespräch, heißt es, und andere kämen sicher hinzu.

In dieser Hoffnung bestärkt sie auch der hallesche Denkmalpfleger und Spezialist für zeitgenössische Glasmalerei, Holger Brülls, der auf Lüpertz' Beitrag in der jüngst in Chartres eröffneten Ausstellung "Deutsche Glasmalerei der Gegenwart" verweist. Nicht nur sind darin noch andere große Namen, sondern auch etliche Glasmaler aus der Region vertreten, die sich mittlerweile zu einem Mekka für dieses Genre entwickelt. Ein Genre, sagt Brülls, das nicht nur eine große Vielfalt zeitgenössischer künstlerischer Ausdrucksformen aufbietet, sondern in Kirchenräumen auch Atmosphäre schaffen und heutigen Gedanken Raum geben kann.