Salzburger Festspiele: Neues aus der Anstalt

29.07.2012 22:23 Uhr | Aktualisiert 30.07.2012 11:26 Uhr
Sarastro (Georg Zeppenfeld) führt die Anstalt für Menschenbildung. Pamina (Julia Klanter) betreut er gern. (FOTO: DPA) 
Von joachim lange
Wenn bei den Salzburger Festspielen der Premierenreigen und die neue Intendanz mit einer "Zauberflöte" eröffnet werden, dann ist das ein programmatisches Statement.
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salzburg/Mz. 

Mozart ist und bleibt, neben Richard Strauss, der musikalische Hausgott an der Salzach. Dem ohnehin schon luxuriösen Nobelfestival hat der neue Festspielchef Alexander Pereira nicht nur wortreich Exklusivität auf die Fahnen geschrieben, sondern gleich noch eine solche Länger-besser-schöner-Rosskur verordnet, dass ihn die vorsichtig gewordenen Aufsichtsgremien und die Politik, trotz seiner ersten, nicht ernst gemeinten Rücktrittsdrohung, bei den anvisierten Etatsteigerungen ausbremsten.

Doch nun scheint erst einmal die Sonne über den vorverlegten und mit einer "Ouverture spirituelle" gefüllten Aufbruch in die Ära Pereira. Dass der für seine erste Salzburger Mozart-Produktion den eigenwilligen Altmeister historischen Musizierens, Nikolaus Harnoncourt, mit seinem Spezialensemble Concentus Musicus (und nicht die Wiener Philharmoniker!) zu einem Opernabstecher nach Salzburg überredet hat, ist nicht nur ein Zugeständnis an den Genius loci, sondern zugleich eine Herausforderung. Eingebürgerte Hörgewohnheiten bedient Harnoncourt nämlich nicht.

Vor der Reitschule

Regisseur Jens-Daniel Herzog und Ausstatter Mathias Neidhardt nehmen die Felsenreitschule als eigenwilligen Theaterraum beim Wort. Nachgebaute Arkadensegmente mit durchnummerierten Türen liefern ein wandelbares Labyrinth aus Gängen und Räumen. Der smarte Tamino (Bernhard Richter) macht sich in Jeans und Jackett auf seinen Weg der (Selbst-)Erkenntnis. Papageno (Markus Werba) rollt mit einem kleinen Lieferwagen an.

Sarastros (Georg Zeppenfeld) Reich ist eine Anstalt für Menschenbildung, mit Pennälern in Schuluniformen mit kurzen Hosen und Lehrern in weißen Kitteln, mit Schulbänken und Schlafsaal. Am Ende kämpft er mit der Königin der Nacht (exzellent: Mandy Fredrich) und der Sonnenkreis fällt Tamino vor die Füße.

Dass sich Tamino und Pamina (Julia Klanter) hier, ohne mit der Wimper zu zucken, aus den Vorgaben befreien und zu Papageno und Papagena und ihren vier Kinderwagen wechseln können, ist sympathisch, normal und beruhigend menschlich. Mit zwingender Logik erspielt und vorbereitet ist dieser Akt von Selbstbestimmung freilich nicht. Diese Zauberflöte hat nämlich bei all ihrer braven, szenischen Mainstream-Modernität und musikalischen Exklusivität auch ein großes Problem. Und das ist sie selbst. In Mozarts populärstem Werk schleppt ja Schikaneders Text unter dem Schutz der genialen Musik allerlei Frauenfeindliches, ziemlich Fundamentalistisches und überhaupt altertümlich Holperndes mit sich. Was besonders auffällt, wenn wie jetzt, erbarmungslose Texttreue exerziert.

Harnoncourt lauscht

Die eigentliche Herausforderung ist aber Harnoncourts Lesart. Seine so delikate wie eigenwillige Sicht auf die Musik nimmt sich alle Zeit der Welt, schmeckt genüsslich ab und lauscht immer wieder hinein und nach, nimmt jede Generalpause ausführlich ernst. Dieser individuell geformte Ausdruck verlangt den Sängern langen Atem ab, umschmeichelt aber die Stimmen.

Am Ende feiert das Publikum den Altmeister zwar pflichtgemäß, doch schwang da auch die Erleichterung mit, diese (fast vier Stunden währende) Zauberflöten-Prüfung endlich überstanden zu haben. Die Besetzung war nicht stargespickt, aber ausgewogen und auf Festspielniveau.

Arte überträgt die "Zauberflöte" live: Montag um 20.15 Uhr