Thalia-Theater: Trauerfall: Kinder- und Jugendbühne ist Geschichte

29.06.2012 23:21 Uhr | Aktualisiert 29.06.2012 23:32 Uhr
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Thalia ist Geschichte

Das Thalia ist Geschichte. Protest hat nichts genützt. (FOTO: DPA)

Von andreas montag
Die hallesche Kinder- und Jugendbühne ist als eigenständiges Haus seit dieser Woche endgültig Geschichte. Am Montag gab es den großen, traurigen Abgesang. Das war es also.
Halle (Saale)/MZ. 

Die Kinderstadt auf der halleschen Peißnitz ist am Freitag eröffnet worden, im Puschkinsaal des Thalia-Theaters in der Kardinal-Albrecht-Straße gab es noch einmal "Nichts, was im Leben wichtig ist". Und auf dem Universitätsplatz wird am Samstagabend "Zazie in der Metro", das Sommerstück des Kinder- und Jugendtheaters Halle, gespielt. Alles bestens, könnte man meinen, wüsste man nicht, dass es das Thalia nicht mehr gibt. Jedenfalls nicht als Institution, die es gewesen ist. Am Montag gab es den großen, traurigen Abgesang, auch ehemalige Schauspieler und viele Freunde des Hauses waren gekommen, Annegret Hahn, die Intendantin, hatte noch einmal einen Auftritt. Das war es also.

Natürlich, der deutsche Nuschelrocker Udo Lindenberg hat die passende Weisheit parat: Hinter dem Horizont geht's weiter. Immer weiter. Irgendwie. Das Thalia wird ja als Sparte der halleschen Bühnen GmbH erhalten bleiben, im September werden "Die Heinzelmännchen" im Foyer des Opernhauses erwartet. Und trotzdem blickt man noch immer ein bisschen fassungslos auf einen Vorgang, der ein Theater sang- und klanglos verschwinden lässt.

Natürlich wächst das Geld, an dem es letztlich scheiterte, nicht auf Bäumen. Und sicher war nicht alles gelungen, was Hahn und ihre manchmal über die eigenen Möglichkeiten hinausgehende Truppe angefasst haben. Aber sie haben ein Selbstverständnis kultiviert, das die traditionellen Grenzen des Theaters fröhlich überschritt.

Das Prinzip, sich hübsche Angebote auszudenken und auf das Publikum im Saal zu warten, konterten die Thalia-Spielleute mit einer permanenten Offensive: Kaum ein Ort in der Stadt, den sie nicht bespielt oder zum Schauplatz einer soziokulturellen Begegnung gemacht hätten. Das Lichtstudio, ein Betonwürfel unweit des Hallmarkts, kommt einem in den Sinn, wo Einar Schleef, der große Unbekannte aus Sangerhausen, mit der Inszenierung der "Totentrompeten" endlich in seiner Heimatregion ankommen konnte. Nicht weniger erinnerungswürdig ist der Kraftakt, in einer der leerstehenden Hochhausscheiben von Halle-Neustadt ein Hotel auf Zeit einzurichten.

So, stellt man sich vor, kann Theater unmittelbar eingreifen in den Diskurs über eine Lebenswirklichkeit, die von sozialen und kulturellen Spannungen geprägt, ja zerrissen ist. Und dies alles in einer wunderbaren Mischung aus heiligem Ernst und großem Spaß. Nicht alles ist gelungen, ein gut gemeintes Projekt wie "Ultras", das radikale Fans des HFC von der Tribüne auf die Bühne verpflanzte und zum Erschauern gebildeter Bürger quasi unreflektiert ausstellte, war wohl einem ästhetischen wie politischen Irrtum geschuldet.

Gleichwohl muss man auch hier gelten lassen, dass die Thalia-Arbeiter ohne Scheu und Dünkel an die Wirklichkeit herangetreten sind. Der Eindruck wird bleiben, über die Schließung hinaus. Schade drum, sehr schade. Mögen die abgebrochenen Gespräche ein Übriges getan haben, Annegret Hahns Verbitterung darüber, dass ausgerechnet ihr Haus geopfert werden sollte, ist verständlich.

Daran ändert auch das Schmerzensgeld in Form der Bezüge nichts, die sie noch bis zum Auslaufen ihres Vertrages in zwei Jahren erhält. Hahn ist eine Theatermacherin. Der hat Halle nun den Stuhl vor die Tür gestellt. Und ihr Haus geschlossen. Auch wenn es künftig ein Angebot für Kinder und Jugendliche geben wird - der Fall Thalia bleibt ein Trauerfall.