Urheberrecht: Es wird alles nur geklaut

10.08.2012 19:32 Uhr | Aktualisiert 10.08.2012 19:32 Uhr
Eine CD mit der Kopie einer Musik-CD liegt auf einem Schreibtisch. (FOTO: DPA) 
Von Steffen Könau
Im Streit um das geistige Eigentum werden die Töne schriller - aber worum geht es bei der Auseinandersetzung eigentlich?
Drucken per Mail
Halle (Saale)/MZ. 

Im Wahlkampf um den Oberbürgermeisterstuhl von Halle wurde es klar. "Schock deine Eltern, wähl' Piraten!", plakatierte die Piratenpartei. Ein origineller Slogan, aber selbstverständlich gestohlen: "Schock Deine Eltern, lies ein Buch", hatte die öffentliche Bibliothek der Saalestadt schon fünf Jahre zuvor gefordert.

Beschwert hat sich niemand über den dreisten geistigen Diebstahl, ausnahmsweise. Denn ansonsten schlagen die Wellen seit Monaten hoch, wenn es um die Frage geht, ob und wie die Werke von Komponisten, Textern, Autoren und Regisseuren im Zeitalter der Digitalkopie geschützt werden sollen. Sven Regener, als Texter und Komponist der Band Element of Crime und Verfasser des Buchhits "Herr Lehmann" gleich zweifach betroffen, fühlte sich beim Gedanken daran, dass seine Musik jeden Tag illegal kopiert wird, als "pinkele uns jemand ins Gesicht". Der Pop-Sängerin Jule Neigel geht es ähnlich. In den letzten 20 Jahren habe es durch das Internet eine Entwicklung gegeben, die das geistige Eigentum infrage stelle, sagt sie. Neue technische Möglichkeiten erlauben 1:1-Kopien mit einem Klick, legale Videoportale wie Youtube und Webradios sind an die Stelle illegaler Tauschbörsen getreten, aber auch hier verdienen die Künstler kaum etwas. Der Rocksänger Phillip Boa hat es durchgerechnet: Wird eines seiner Lieder 200 000 Mal angehört, kann er sich dafür gerade mal ein warmes Mittagessen leisten.

"Das ist unverschämt und unsozial und kein bisschen demokratisch", sagt die 46-jährige Jule Neigel. Allerdings ist es leider nicht zu ändern, findet Bruno Kramm, der als Gründer der Band "Das Ich" selbst Urheber ist, als Mitglied der Piratenpartei aber dennoch gegen schärfere Gesetze zu Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen kämpft. Es gehe vielmehr um eine Neugründung des "uralten Paktes, in dem Menschen Dinge honorieren möchten, die ihnen etwas bedeuten", argumentiert der Chef des Plattenlabels Danse Macabre. Neue Verkaufs- und Auswahlmodelle im Netz müssten nicht nur für Musik und Filme, sondern auch für alle anderen Kulturschöpfungen geschaffen werden.

Die nämlich, bisher staunende Zuschauer beim Hauen und Stechen zwischen Musik- und Filmindustrie und Filesharingportalen, spüren inzwischen ebenso, wie das Netz an ihren Geschäftsmodellen knabbert. Suchmaschinen helfen Menschen nicht nur, zu finden, was sie haben wollen, sie produzieren dabei selbst Inhalte, indem sie Fundstellen zitieren. Sogenannte News-Aggregatoren verzichten gleich völlig auf den Versuch, eigene Nachrichten zu erstellen - sie bedienen sich stattdessen über spezielle Schnittstellen bei den Portalen der Zeitungen.

Plötzlich sind die Verlage in der Situation, in der die Plattenindustrie sich vor zehn Jahren befand, als die Tauschbörse Napster die Illusion erschuf, Musik sei kostenlos. Genau so verhält es sich heute mit Nachrichten, die Journalisten recherchieren und aufschreiben: Kaum in der Datenwelt, lassen sie sich kopieren und weiterverbreiten, ohne dass der Urheber oder sein Verlag mitverdient.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger fordert deshalb bereits seit langem die Einführung eines Leistungsschutzrechtes für Verlage. So wie Plattenfirmen heute profitieren dürfen, wenn Nutzer bei Youtube Videos ihrer Künstler anschauen, könnten Verlage dann ein Entgelt verlangen, wenn Google oder andere Suchmaschinen Teile ihrer Texte als Fund anzeigen.

In einem ersten Gesetzentwurf der Bundesregierung sollten jedoch sogar Blogger und Newsdienste zahlen müssen, wenn sie Texte von Verlags-Webseiten zitieren. Eine Absicht, die nicht nur die Piratenpartei auf die Palme brachte. Auch eine wunderliche Allianz aus SPD, Grünen und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) machte mobil. "Eine nahezu flächendeckende Zahlungspflicht für Inhalte ist ein Angriff auf den Informationsfluss im Internet", zürnte Dieter Schweer vom BDI. Die Bundesregierung machte einen Rückzieher. Nun sollen nur noch Suchmaschinen zahlen müssen.

Das Schwert aber ist zweischneidig. Was, wenn Google sich entscheidet, Verlagsseiten lieber komplett aus dem Index zu nehmen, als für Fundstellen zu zahlen? Ein Blick ins Rockgeschäft führt die Konsequenzen einprägsam vor Augen. Weil sich das Videoportal Youtube und die Rechteverwertungsgesellschaft Gema hierzulande seit mehreren Jahren nicht über die Höhe der Vergütung für abgespielte Videos einigen können, sehen deutsche Fans immer öfter den Hinweis "Dieses Video ist in deinem Land leider nicht verfügbar". Die Ironie: Häufig handelt es sich bei den gesperrten Filmen um Videos, die mit viel Geld der Plattenfirmen gedreht wurden, um Werbung für neue Alben zu machen.