Hochwasser : Watend durchs Wohnzimmer

Uhr | Aktualisiert 07.05.2014 14:35 Uhr
Ulrich Karwath mit Tränen in den Augen vor seiner Haustür. Die Sandsäcke zwischen ihm und Ehefrau Ines sind überflutet. (Bild: Speck)
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Die Unstrut sorgt für Überflutung und Evakuierungen von Großjena. Saale-Pegel erreicht in Grochlitz die Rekordmarke von 6,45 Meter.
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Als Ulrich Karwath am Sonnabend Geburtstag hatte, brachte ihm die Feuerwehr Sandsäcke vorbei. Weniger als Geschenk. Eher als Schutzwall vor den Fluten. 48 Stunden nach seinem Ehrentag steht Ulrich Karwath am Montag mit Tränen in den Augen in seinem Wohnzimmer. Die Sandsäcke vor seinem Haus sind längst überflutet.

        

Die Schellsitzer Feuerwehrkameraden bringen fleißig Sandsäcke zu den zwei überspülten Stellen des alten Deiches.

Die Schellsitzer Feuerwehrkameraden bringen fleißig Sandsäcke zu den zwei überspülten Stellen des alten Deiches.   (Bild: Speck)

Das Erdgeschoss ist es auch. Kniehoch steht das Wasser in Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer. Der Strom ist längst weg. Ein Heizkörper „schwimmt“ in der Stube. „Wer weiß, wann wir hier je wieder einziehen können“, ringt Karwath mit den Worten. Der Fußboden hat sich überall gehoben. Die Möbel kann er alle wegschmeißen. Am Sonnabend glaubte er noch, dass alles vielleicht glimpflich verläuft. „Hätten wir eher von der drohenden Katastrophe gewusst, hätten wir mehr als nur das Wohnzimmer ausgeräumt. Die Küche oder die Waschmaschine noch.“ Seit Sonntag schlafen er und Frau Ines bei der Schwiegermutter in Naumburg. Als Karwath das kellerlose DDR-Fertigteilhaus 1996 kaufte, „haben sie uns über die Hochwassergefahr aufgeklärt. Da kann ich niemand einen Vorwurf machen“.

Scheinbar mit Humor winken zwei Häuser weiter Brigitte und Tochter Karin Litzkendorf aus dem Fenster. Es ist Galgenhumor. „Der Keller ist voll, und das Wasser steigt weiter. Es steht kurz vor dem Elektro-Kasten. Wenn der Strom weg ist, verlassen auch wir unser Haus.“ Gunda und Andreas Rummler kommen die Max-Klinger-Straße entlanggewatet. Auch ihr Keller ist voll. Neun Pumpen haben sie laufen. Die Toilettenspülung ist längst unbrauchbar geworden. Verlassen wollen sie ihr Haus aber erst, wenn der Strom weg ist. „Habt ihr genug zu essen?“, fragen sie Brigitte Litzkendorf. „Ja, ich hatte doch am Sonntag Geburtstag. Da ist noch einiges übrig“, antwortet die Rentnerin. Es ist die Straße der traurigen Ehrentage. Der Nachbar zwischen ihr und Ulrich Karwath „feierte“ gestern ebenfalls. Doch Happy Birthday sieht anders aus.

        

Gunda und Andreas Rummler waten die Großjenaer Klingerstraße entlang.

Gunda und Andreas Rummler waten die Großjenaer Klingerstraße entlang.   (Bild: Speck)

Die Max-Klinger-Straße und die Untergasse sind in Großjena am stärksten betroffen. 100 Meter weiter, am Feuerwehrdepot, stehen die Kameraden im Trockenen. Seit Freitagmittag haben sie fleißig Sandsäcke gefüllt und Keller ausgepumpt. Viel Kaffee, viel Cola, wenig Schlaf. „Hoffentlich machen die Arbeitgeber das noch länger mit“, sagt Wehrleiter Lars Stephan.

Erreichbar war Großjena gestern per PKW so gut wie gar nicht mehr. „Ich würde mit meinem Privat-PKW nicht durch diese tiefen Wasserstellen fahren“, sagt Rot-Kreuz-Sanitäter Christian Röder, der mit uns unterwegs ist. Gefahren werden wir von Bundeswehr-Sanitätern im großen Unimog. Zuvor hatten sie eine pflegebedürftige Frau versorgt. Für eventuelle Evakuierungen stehen sie Gewehr bei Fuß.

Ulrich Karwath muss nun auf die Versicherung hoffen. Ein erstes Telefonat hat es gegeben. Man wird das Urteil des Gutachters abwarten müssen. Christian Röder hat Mitleid mit ihm. „Bei Hochwasser zahlt die Versicherung. Bei uns in Almrich drückt das Grundwasser. Und auf den Schäden bleibt man dann sitzen.“

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