Aserbaidschan: Faule Kompromisse

24.05.2012 21:47 Uhr | Aktualisiert 24.05.2012 22:02 Uhr
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Ulrich Krökel

Ulrich Krökel (FOTO: MZ)

Ulrich Krökel meint, dass Europas Song Contest und Fußball-EM Schlaglichter auf die Probleme zwischen Ost und West werfen.

Erst die Ukraine, jetzt Aserbaidschan: Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion geraten unvermittelt ins Scheinwerferlicht der europäischen Öffentlichkeit. Westliche Medien berichten über Folter und Enteignungen, über die Herrschaft korrupter Politiker und mafiaähnliche Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft.

All das ist keineswegs neu. Aber plötzlich gibt es Gründe, die dramatischen Demokratiedefizite im postsowjetischen Raum zu thematisieren. Die Politik segelt dabei vor dem Wind des Sports und der Popkultur. Es sind die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan, die für Diskussionsstoff sorgen. "Darf man in halbdiktatorisch regierten Ländern Großveranstaltungen wie EM und ESC abhalten, die vor allem den Herrschenden nutzen?" Das ist hier die Frage.

Grundsätzlich: Ja, man darf. Andernfalls hätte man Aserbaidschan (und Weißrussland erst recht) schon längst vom Schlagerwettbewerb und der EM-Qualifikation ausschließen müssen. Und was ist mit Russland? Oder mit Ungarn, wo Viktor Orban ebenfalls ein autoritäres Regime zu installieren versucht? Wo zieht man die Grenze?

Nein, all die Boykottdiskussionen sind scheinheilig. Sie gaukeln einen Handlungswillen vor, der in der politischen Arena fehlt. Beispiel Aserbaidschan: Die Kaukasusrepublik verfügt über riesige Öl- und Gasvorkommen. EU-Politiker hofieren das Regime von Ilham Alijew deshalb seit Jahren. Sie sollten ehrlich sagen, warum sie dies tun, statt am Rande des ESC ihr Mütchen zu kühlen. Fakt ist: Westliche Industriestaaten sind derzeit auf Energielieferungen aus Staaten angewiesen, deren Herrscher ihr Volk knechten.

Politik beginnt mit der Anerkennung der Realität. Zur Wirklichkeit gehört, dass sich der Osten Europas 20 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion immer weiter vom freiheitlich-demokratischen Modell des Westens entfernt. Das betrifft nicht nur Weißrussland, die Ukraine und Aserbaidschan. Auch in Georgien regiert mit Michail Saakaschwili ein Autokrat.

Der Westen hat es angesichts seiner eigenen Schwäche nicht leicht, Einfluss zu nehmen. Unverzeihlich aber ist, dass Europäern und Amerikanern jegliche Strategie fehlt. Besonders deutlich wird dies im Fall der Ukraine. Seit der orangen Revolution 2004 können sich die Verantwortlichen in Brüssel und Washington nicht entscheiden, wie sie mit dem Land umgehen wollen, das in den Augen vieler Geopolitiker eine Schlüsselrolle im Verhältnis zwischen West und Ost spielt.

Die USA drängen die EU dazu, die Ukraine an sich zu binden - Menschenrechte hin oder her. Das ist ein unmoralisches Angebot und führt zu nichts, wie das Beispiel Georgien zeigt. In Brüssel wiederum schmiedet man hehre Pläne, die Namen wie "Assoziierungs- und Freihandelsabkommen" tragen und nichts als faule Kompromisse sind. Eine EU-Beitrittsperspektive für die Ukraine schließt namentlich Deutschland aus. Dieses Verfahren nach der Devise "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass" kann nicht funktionieren.

Kontakt zum Autor:Ulrich Krökel