Bundeskanzlerin: Muttis Gesichter

17.05.2012 21:51 Uhr | Aktualisiert 17.05.2012 22:47 Uhr
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Holger Schmale

Holger Schmale (FOTO: MZ)

Holger Schmale meint, dass der Rauswurf Röttgens zeigt, dass für Kanzlerin Merkel eine neue Phase begonnen hat.

Tja, die Mutti. Schon immer war diese respektlose Beschreibung Angela Merkels als die treu sorgende, Konflikte sanft schlichtende Mutter der Kompanie falsch, zumindest einseitig und unvollständig. Mit dem kühlen Hinauswurf des Bundesumweltministers Norbert Röttgen aus ihrem Kabinett hat sie nun eines ihrer ganz anderen Gesichter gezeigt.

Wir haben Angela Merkel in den 90er Jahren als staunende, lernende, fleißige junge Ostdeutsche am Kabinettstisch von Helmut Kohl kennengelernt; in Wahrheit aber war sie auch damals schon viel mehr als nur das stille Mädchen, das Kohl an seiner Seite wähnte. Das zeigte sie ihm mit dem kühnen offenen Brief, mit dem die damalige Generalsekretärin den Sturz des Ehrenvorsitzenden und die Befreiung der CDU von seiner Parteispendenaffäre einleitete.

Genau so ein Befreiungsschlag ist nun auch die für alle anderen so überraschende Entlassung Röttgens. Eine öffentliche Düpierung des bisherigen Hoffnungsträgers ohne Gleichen, zumal der nebenbei auch noch einer der Stellvertreter Merkels als CDU-Vorsitzende ist. Sie versucht, nach dem Wahldebakel in Nordrhein-Westfalen ein Zeichen zu setzen: Sie ist entschlossen, handlungsfähig und kampfbereit. Sie, und nur sie ist die Chefin, die im Zweifel ganz allein und mit großer Risikobereitschaft handelt.

Es sieht so aus, als würden wir nun wieder eine neue, alte Merkel erleben, die der ersten Jahre des neuen Jahrtausends. Als sie sich rücksichtslos des Fraktionschefs Friedrich Merz entledigte und eine bissige Oppositionsführerin mit neoliberalem Zungenschlag wurde. Als Kanzlerin der Großen Koalition legte sie sich dann die Aura der Bürgerpräsidentin zu, über dem Parteienstreit schwebend, verständig, abwartend und vermittelnd. Eben die Mutti der Nation, wie manche finden. Eine Art Sozialdemokratin im schwarzen Gewand, die personifizierte Große Koalition. Sie zehrt bis heute von diesem Ansehen, das zeigen ihre weit über denen der CDU und ihrer Koalition liegenden Sympathiewerte.

Aber mit dem desaströsen Wahlausgang in NRW hat eine neue Phase begonnen. Es ist das Startsignal für einen harten Lagerwahlkampf um das Kanzleramt. Man kann Merkels brutales Vorgehen gegen einen ihrer engsten Wegbegleiter auch als Verzweiflungstat verstehen, irgendwie wieder in die Offensive zu kommen. Sie distanziert sich von einem Mann, der nun den beißenden Geruch des Verlierers trägt. Mit dem will sie nicht infiziert und identifiziert werden. Angesichts der verfestigten Lagerbildung braucht sie ihn auch nicht mehr als Signal an die Grünen, dass mit ihrer Partei auch andere Bündnisse denkbar wären. Sie sind es auf absehbare Zeit nicht mehr.

Doch ob dieses Ablenkungsmanöver gelingt, ist fraglich. Die vom CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer öffentlich vorgetragene Mängelliste der Arbeit der schwarz-gelben Koalition ist nur zu einem kleinen Teil Norbert Röttgen anzulasten. Verantwortlich ist am Ende niemand anderes als Chefin Angela Merkel. Doch die kann kämpfen. Für einen Abgesang auf diese Kanzlerin ist es zu früh.

Kontakt zum Autor: Holger Schmale