Markus Sievers (FOTO: MZ)
In dieser Woche haben wir zwei Angela Merkel erlebt. Eine dramatische Nacht in Brüssel brachte viele Überraschungen und eine Einsicht: Es gibt zwar nur eine Euro-Krise, dafür aber zwei deutsche Bundeskanzlerinnen.
Die eine tritt unnachgiebig und hart auf, gelegentlich wie am Mittwoch im Bundestag rabiat und brutal. So zeigt sich die Kanzlerin in Deutschland. In Brüssel offenbarte sie ihr anderes Gesicht. In den Verhandlungen mit Italiens Regierungschef Mario Monti und dem spanischen Ministerpräsident Mariano Rajoy machte Angela Merkel Zugeständnisse, um den Euro vorm drohenden Auseinanderbrechen zu bewahren. Damit präsentierte sie eine Kompromissfähigkeit, die sie lange vermissen ließ oder gut zu verbergen wusste.
Keinesfalls überraschend kamen am Morgen danach die Vergleiche mit dem Fußball, etwa so: In einer Nacht hat Deutschland die Europameisterschaft und sein Geld verspielt - fast zeitgleich verlor das größte Land Europas in Warschau und in Brüssel. Diese Einschätzung aber ist falsch.
Merkel hat sich nicht dem politischen Druck gebeugt. Merkel, die Unbeugsame, trägt den Sachzwängen Rechnung. Nachgegeben hat sie der Realität, der hoch gefährlichen Bedrohung für die Währungsunion. Gefolgt ist sie der Einsicht, dass die Krise Deutschland nicht mehr verschont. Für Griechen, Spanier oder auch Italiener ist das Euro-Debakel längst kein abstraktes Phänomen mehr. Für diese Völker geht es um Existenzen, um das eigene Häuschen, das tägliche Einkommen, die Altersvorsorge.
Deutschland ist davon noch entfernt, aber Lichtjahre sind es nicht mehr. Die Rezession um uns herum bringt den Aufschwung der Wirtschaft mehr und mehr zum Erliegen. Jeder klug angelegte Euro zur Stabilisierung des gemeinsamen Geldes reduziert die deutsche Haftung dramatisch. Von dieser Einsicht hat sich Merkel leiten lassen. Sie ist nicht eingeknickt, sondern hat politische Größe bewiesen, indem sie das Wohl Deutschlands und Europas über den Frieden in der schwarz-gelben Koalition stellte.
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