Harry Nutt (FOTO: MZ)
In den verbleibenden Wochen bis zum Start der Fußball-Europa-Meisterschaft hat Bundestrainer Joachim Löw kein Aufstellungs-, sondern ein Einstellungsproblem. Er und seine Spieler müssen auf bohrende Fragen gefasst sein, die über ihre sportliche Kompetenz hinausgehen. Eine wird lauten: Wie kann man antreten in einem Land, das seiner Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko einen unfairen Prozess gemacht hat und sie trotz schwerer Erkrankung in Haft hält?
Die bekannte Sportlerantwort auf solche Fragen sind Floskeln, die auf der Trennung von Sport und Politik beharren. Sie waren zuletzt auch beim Formel-1-Spektakel in Umlauf. Der sympathische Sebastian Vettel hat vor seinem Sieg in dem von einer Revolte erschütterten arabischen Inselstaat Bahrain ganz und gar nicht sympathisch gesagt: Unser Job ist Sport, sonst nichts. Menschenrechtsverletzungen? Für ihn alles nur ein großer Hype.
Auf der anderen Seite des vermeintlichen Hypes stehen nun auch mit Blick auf die Ukraine Boykottaufrufe. Die Fußball-EM, meinen viele, hätten nie an einen politisch so unsicheren Kandidaten vergeben werden dürfen. Aber - damals war das auch ein Aufbruchssignal für die orange Revolution. Inzwischen droht die Fußball-Europameisterschaft zu einem Vehikel zur Festigung der bestehenden Macht- und Korruptionsverhältnisse zu werden. Damit noch nicht genug. An einem Spielort wie dem westukrainischen Lviv (Lemberg) könnte auch das hässliche Gesicht aggressiver Fan-Manifestationen zum Vorschein kommen. In dem einst stark jüdisch geprägten Lemberg beherrschen unverhohlen rassistische Organisationen die Szene. Und diese werden versuchen, auf sich aufmerksam zu machen. Bevorzugt auch mit Gewalt. Europa zu Gast bei Freunden? Es sieht so aus, dass es diesmal etwas ungemütlicher werden könnte. Aber das kann kein hinreichender Grund sein, aus Protest einfach wegzubleiben.
Es bleibt das politische Unbehagen. Und dem kommt man nur mit klaren Haltungen bei. Bundespräsident Joachim Gauck hat mit seiner Absage einer geplanten Reise in die Ukraine bewiesen, dass es auch im politischen Grenzverkehr ein diplomatisches Ethos gibt, das man nicht unterschreiten darf.
Dass man mit einem Festhalten an der Vorstellung vom neutralen Sport nicht weiter kommt, scheint man inzwischen auch beim Deutschen Fußball-Bund begriffen zu haben. In den Äußerungen zum Fall Timoschenko hat dessen Präsident Wolfgang Niersbach gar nicht erst versucht, sich um eine Verantwortung des Sports herumzudrücken. Diese in angemessener Form wahrzunehmen, wäre die Aufgabe der einflussreichen Fußballverbände wie Uefa, Fifa und des Internationale Olympische Komitees. Sie agieren seit langem wie unkontrollierte multinationale Konzerne und bestimmen, wo Schlitten gefahren und mit Bällen gespielt wird. Dabei haben sie wiederholt den Eindruck erweckt, in Sachen Amtsmissbrauch und Korruption mit genau jenen Staaten auf Augenhöhe zu sein, denen hernach der Missbrauch der sportlichen Ideale für politische Zwecke vorgeworfen wird.
Kontakt zum Autor:Harry Nutt