Zwei Jahre Strafkolonie für ein einminütiges Punkgebet: Man kann das Urteil gegen Pussy Riot nur für blanken Irrsinn halten. Schon wer meint, er müsse zu einer gewaltfreien Protestaktion bei der weder Personen noch Sachen zu Schaden kamen eine 3.000 Seiten starke Ermittlungsakte zusammentragen, die Beschuldigten ein halbes Jahr in Untersuchungshaft halten und einen Prozess anstrengen, der weltweit für Aufsehen sorgt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er das Gefühl für die Verhältnismäßigkeit seiner Mittel verloren hat.
Was für eine quälende und für alle Beteiligten demütigende Prozedur war allein die heutige Urteilsverkündung. Stunde um Stunde wird die Anklageschrift verlesen, Stunde um Stunde dieselbe Leier, bis zur Erschöpfung. Auf wessen Seite muss man hier einen Kontrollverlust verorten? Auf der Seite der Angeklagten sicher nicht. Sie haben ihre Mittel gezielt eingesetzt, sie haben provoziert und herausgefordert. Man kann das als Ordnungswidrigkeit ahnden, als Hausfriedensbruch oder als Störung der öffentlichen Ordnung.
Die russische Justiz aber führt sich und die staatliche Autorität, von deren Einflüsterungen ihr Urteil abhängt, vor aller Welt vor. Wer beobachtet, wie alle Prozessbeteiligten nach Stunden, die sie im Stehen die Ausführungen des Gerichts verfolgen mussten, erschöpft ins Wanken geraten, bekommt ein anschauliches Bild vom Zustand des Landes. Es ist aus dem Gleichgewicht geraten, nicht weil drei junge Frauen die Staatsmacht herausgefordert oder die Gefühle von Gläubigen verletzt haben, sondern weil die Ideen- und Perspektivlosigkeit einer kleinen herrschenden Clique sich wie ein Alpdruck über das Land gelegt hat.
Es sind in den vergangenen Monaten Zehntausende in Moskau auf die Straßen gegangen, um sich von diesem Alpdruck zu befreien. Eine weit größere Zahl russischer Bürger hat sich in den vergangenen Jahren bereits auf den Weg gemacht und das Land verlassen. Sie suchen ihre Zukunft in Europa, in Israel oder den USA. Wer geht, will sich nicht länger entmündigen lassen. Er stimmt mit den Füßen ab. Dasselbe aber gilt inzwischen auch für diejenigen, die geblieben sind. Ihr Protest richtet sich vor allem gegen den Verlust an Zukunft.
Wer die Reaktion der Angeklagten auf die Verkündung des Strafmaßes beobachtet hat, wird daran zweifeln, dass Urteile wie das heutige noch geeignet sind, den Protest zu ersticken. Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch wirkten weder übermäßig erschüttert noch gelassen. Sie wirkten befreit.
Einen Eindruck, den man auch von den zwanzigtausend Spaziergängern gewinnen konnte, die Anfang Mai durch Moskau zogen, um zu erproben, wie es um ihr Recht auf Bewegungs- und Versammlungsfreiheit steht. Dass es befreiend wirken kann, sich in eine andere Richtung als die vorgegebene zu bewegen, haben inzwischen immer mehr Menschen in Moskau erfahren können. Auch die Verhaftungen von Regimegegnern kann dieses Erlebnis nicht schmälern. Sollte Putin versuchen wollen, dass Land auf Dauer gegen seine Hauptstadt zu regieren, wird ihm das nur um den Preis noch härterer Repressionen gelingen.
Kontakt zur Autorin:Katja Tichomirowa