Kunstdiebstahl: Steckt Bande hinter Raubzug?

22.05.2012 20:53 Uhr | Aktualisiert 23.05.2012 20:24 Uhr
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Grab des Ratsherrn Hübel

Das Grab des Ratsherrn Hübel von 1705 war 1995 restauriert worden. Es ist von Bildhauer Christian Trothe. Ein Engel wurde herausgebrochen. Die Tat steht mit dem Raub aber wohl nicht in Verbindung. (FOTO: JUNGHANS)

Von Dirk Skrzypczak
Auch von Friedhöfen in Zerbst und Bautzen sind barocke Figuren verschwunden. Merseburger Altstadtverein will Bildtafeln der Skulpturen aufstellen.
Merseburg/MZ. 

Der Kunstraub von Merseburg ist in Mitteldeutschland kein Einzelfall. Am vergangenen Freitag hatten Unbekannte sechs wertvolle Skulpturen vom Stadtfriedhof gestohlen. Bereits im März dieses Jahres war der Heidetorfriedhof in Zerbst geplündert worden, vor wenigen Tagen traf es dann den berühmten Taucherfriedhof in Bautzen. In allen Fällen hatten es die unbekannten Täter auf barocke Sandsteinfiguren aus dem 18. Jahrhundert abgesehen. Die Parallelen zum Raubzug in Merseburg drängen sich förmlich auf. Ob tatsächlich eine Verbindung zwischen den Diebstählen besteht und hinter den Grabschändungen eine organisierte Bande steckt, vermag von der Kriminalpolizei derzeit aber niemand zu sagen.

So sind vom Gottesacker in Zerbst zwei 70 Zentimeter hohe Frauenfiguren sowie eine Schmuckurne aus Bronze geraubt worden. In Bautzen schleppten Täter die 200 Kilogramm schwere Plastik einer weinenden Frau vom Gottesacker. "Wir können bisher nicht sagen, ob es einen Zusammenhang mit ähnlichen Sachverhalten außerhalb des Freistaates gibt. Noch haben wir keine Spur zu den Tätern", sagt Susanne Heise von der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien der MZ. Das Polizeirevier des Saalekreises sieht sich zum ersten Mal mit so einem Fall konfrontiert. "Wir gehen aber davon aus, dass es sich um einen gezielten Diebstahl handelt. Solche Figuren stellt sich doch niemand zu Hause in den Garten", meint Sprecher Jürgen Müller.

Nach wie vor fällt es sowohl Historikern wie auch der Polizei schwer, den entstandenen Schaden zu beziffern. Der Materialwert ist nur das eine. "Der kunsthistorische Wert lässt sich derzeit noch nicht ermitteln", formuliert es Susanne Heise. Friedhelm Wittchen, Restaurator bei den Vereinigten Domstiftern zu Merseburg und Naumburg, wundert das nicht. "Sie werden niemanden finden, der die geraubten Stücke mit Zahlen hinterlegen kann." Es sei aber ein Vorteil bei der Fahndung nach dem Diebesgut, dass Bilder der gestohlenen Skulpturen existieren. Unter anderem hat sie die MZ ins Internet gestellt. "Das macht es den Tätern etwas schwerer, die Kunstwerke an den Mann zu bringen."

Legal dürfte das nach Ansicht der Experten ohnehin kaum gelingen. "Der Schwarzmarkt nimmt alles ab. Und dort ist es die Frage, wie viel Geld die so genannten Liebhaber ausgeben wollen", weiß Marcello Gaeta aus der Geschäftsstelle des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker. Dass jetzt vermehrt Figuren von Friedhöfen geraubt werden, sei ihm nicht bekannt. "So etwas hört man eher von archäologischen Funden."

Den Raub von Merseburg - gestohlen wurden Engel, Frauenfiguren und Putten - bezeichnet Mario Titze, Referatsleiter im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle, als "schweren Verlust für die Kunstlandschaft in Sachsen-Anhalt und im historischen Sachsen". Die Skulpturen aus den Händen auch überregional bedeutender Künstler des Barock wie Johann Michael Hoppenhaupt, Christian Trothe und Heinrich Agner der Ältere seien sehr wertvoll. Titze geht ebenfalls davon aus, dass die Figuren auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden sollen. Möglich sei es aber auch, dass es sich um eine Auftragstat handelt. "Offiziell sind die Kunstwerke doch unverkäuflich, weil sie jetzt auch international über Interpool als gestohlen gemeldet werden."

Unterdessen will der Merseburger Altstadtverein den Verlust nicht kommentarlos hinnehmen. "Wir denken darüber nach, Fotoaufsteller vor den geplünderten Gräbern zu platzieren und darauf die gestohlenen Skulpturen zu zeigen", sagt Merseburg-Historiker Peter Ramm.

Hinweise zum Raub nimmt die Polizei unter Telefon 03461 / 44 62 91 an.