Merseburg: Das inszenierte Inferno

13.05.2012 19:47 Uhr | Aktualisiert 14.05.2012 10:02 Uhr
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Eine Rettungsübung

Auch diese Statistin wurde von DRK-Mitgliedern zum Opfer geschminkt. (FOTO: MARCO JUNGHANS)

Von Dirk Skrzypczak
700 Einsatzkräfte proben in Merseburg die Rettung nach einem Flugunfall. Der Funk bricht zeitweise zusammen. Nicht alle Wehren werden benötigt.
Merseburg/MZ. 

Christin Urbach (14) ist seit früh um 6 Uhr auf den Beinen. Das Mädchen aus Spergau gehört zu den 80 Statisten der Großübung am Sonnabend auf dem Gelände des Luftfahrt- und Technikmuseums in Merseburg. "Es ist das erste Unglück, bei dem ich mitspiele", sagt sie. Wenig später irrt sie wie die anderen "Opfer" zwischen einer TU 134 und einer IL 14 herum. Aus Nebelmaschinen steigt Rauch auf, Schreie hallen über den Unglücksort. Zwei Passagiermaschinen waren sich in der Luft gefährlich nah begegnet, ins Trudeln geraten und mussten notlanden. Dabei ist eine der Tragflächen abgerissen und hat einen Gefahrguttransport getroffen. Willkommen im flammenden Inferno.

Flughafen schickt Spezialfahrzeug

Das Drehbuch hat sich der Landkreis ausgedacht. 700 Einsatzkräfte aus dem Saalekreis und der Stadt Halle sind mit 293 Fahrzeugen in die Übung einbezogen. Darunter sind Feuerwehren, Sanitäter, Notärzte, Spezialisten des Technischen Hilfswerks, Polizisten, Seelsorger und ein Trupp der Flughafenfeuerwehr Leipzig / Halle. Letztere rücken mit einem Speziallöschfahrzeug an - einem Panther. Der weckt bei den anderen Wehren Begehrlichkeiten. Auf dem Bereitstellungsplatz auf einem alten Rollfeld am Airpark ist der mächtige Tanker das begehrteste Fotomotiv. Dass die Einsatzkräfte nicht aus den jeweiligen Wohnorten anrücken, hat einen guten Grund. "Wir wollten im öffentlichen Straßenverkehr kein Unfallrisiko eingehen und haben die Teams deshalb schon zusammengezogen", sagt Uwe Arnold, Koordinator der Rettungsleitstelle in Merseburg. Hintergrund: 2006 war ein Feuerwehrfahrzeug in Glindenberg während einer Übung in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Vier Kameraden starben. So ein Szenario will man im Saalekreis vermeiden.

Die Katastrophenübung im Museumspark zieht zahlreiche Schaulustige an. Hinter der Absperrung verfolgen sie das Geschehen. Um 9.55 Uhr treffen die ersten Fahrzeuge der Merseburger Feuerwehr mit Blaulicht und Sondersignal ein. Bis gegen Mittag heulen die Sirenen. Die Verletzten werden unter anderem aus der TU 134 gerettet, in Sanitätszelten und einem Ambulance-Bus versorgt. Es werden imaginäre Brände gelöscht, dem verunglückten Spezialtransporter nähern sich die Einsatzkräfte im Schutzanzug.

Viel Licht, wenig Schatten

Obwohl im Vorfeld der grobe Ablauf bekannt gewesen ist, läuft nicht alles reibungslos. "Wir sind nicht im Theater, wo alles strikt nach Drehbuch läuft", sagt Einsatzleiter Michael Jahn. So gibt es am Anfang Probleme mit der Alarmierung. Es dauert 20 Minuten, ehe der erste Rettungswagen eintrifft. Dann bricht zeitweise der Funk zusammen, weil die Leitungen überlastet sind. Die mobile Einsatzzentrale, die von Halle nach Merseburg beordert worden ist, erweist sich als unbrauchbar. Sie ist zu klein, die Einsatzleitung muss deshalb auf zwei Fahrzeuge zurückgreifen - das stört den Informationsfluss. Und letztlich stauen sich die Fahrzeuge auf der Kastanienpromenade vor dem Museum. Die Straße ist überlastet. Dennoch sieht man nach der Übung am Ende viele zufriedene Gesichter. "Die wichtigsten Dinge haben funktioniert. Dass hier und da ein paar Prozent fehlen, ist bei einer Übung normal", erklärt Kreisbrandmeister Holger Baumann. Landrat Frank Bannert (CDU) zollt den zumeist ehrenamtlichen Rettern Respekt: "Wir haben heute gesehen, dass wir uns im Ernstfall auf sie verlassen können. Jetzt müssen wir analysieren, wo die Fehler gelegen haben."

Einige enttäuschte Gesichter

"Bis auf den fehlenden Funkkontakt lief es auch bei uns ganz gut", meint Monika Schinke, die das medizinische Team aus zehn Notärzten und 60 Sanitätern anführt. Sie stufen die Verletzten in Kategorien ein, beginnen mit der Erstbehandlung und organisieren den Transport in umliegende Krankenhäuser. Aber es gibt auch Enttäuschte. Einige wenige Wehren warten auf dem Sammelplatz vergeblich auf ihre Alarmierung, was der Landrat "bedauerlich" findet. Motivierend sei das nicht, ist unter anderem von Kameraden der Gutenberger Feuerwehr zu hören, die nach Stunden unverrichteter Dinge wieder abrücken.