Merseburg: Der sichtbare Feind

22.06.2012 18:31 Uhr | Aktualisiert 22.06.2012 19:26 Uhr
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Stalker

Stalker verfolgen ihre Opfer beinahe permanent. Viele von ihnen sind Telefonterror ausgesetzt. Viele wechseln deshalb die Rufnummern. (FOTO: PETER WÖLK)

Von Elke Jäger
Eine junge Frau aus Merseburg wird seit November von einem Mann, mit dem sie einmal befreundet war, verfolgt und belästigt.
Merseburg/MZ. 

Irgendwo in Merseburg, an einem beliebigen Wochentag, spätabends. Eine junge Frau, nennen wir sie Miriam T. (Name geändert), steht im Dunkeln im Wohnzimmer und schaut angespannt aus dem Fenster. Da, vor dem Haus gegenüber, hat sich etwas bewegt. Steht da jemand? Oder war es nur ein einsamer Passant auf dem Weg nach Hause?

Die 29-Jährige ist nervös, zündet sich eine Zigarette an. Sieht wieder nach draußen. Wartet der Mann immer noch? Vorsichtig nähert sie sich dem Fenster, hält den Atem an. Dann steigt die Wut hoch und die Tränen kommen. Er ist wieder da. Steht einfach vorm Haus und beobachtet ihre Wohnung. Am liebsten würde sie losschreien, ihn anbrüllen, dass er endlich verschwinden soll aus ihrem Leben. Aber vielleicht ruft sie doch noch einmal die Polizei...

Miriam T., Mutter dreier Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren, wird seit November von einem Stalker verfolgt. Der Vater von Fabio B. (Name geändert) wohnte früher im gleichen Haus wie sie. Sie kamen sich näher, als sie beide in einer schwierigen Situation steckten: Die Partnerschaft mit dem Vater ihrer Kinder drohte zu zerbrechen, er hatte einen Angehörigen verloren. "Wir haben viel geredet und sind spazieren gegangen", schildert die junge Frau.

Sie habe gehofft, an ihm einen Halt zu finden, sagt sie heute. "Uns ging es beiden schlecht." Das verband. Dass ein guter Freund dann einfach da war, sei ein gutes Gefühl gewesen. Fabio B. kümmerte sich intensiv um sie und die Kinder, bot immer wieder Hilfe an, lieh ihr Geld, ja war eigentlich fast jeden Tag da. Auch als sie umzog, war er stets als Helfer zur Stelle.

Doch diese offensive Zuwendung wurde Miriam T. langsam unheimlich. "Ich fand ihn aufdringlich und fühlte mich überrannt." Als der Mann dann auch noch in eine Wohnung unmittelbar in der Nachbarschaft zog, wurde es ihr unheimlich. Sie nahm ihren Mut zusammen und sagte ihm klar, dass sie keine Beziehung zu ihm wünsche.

Daraufhin änderte Fabio B. sein Verhalten grundlegend. Plötzlich forderte er alle Geschenke wieder zurück. Und er lauerte ihr auf: Vor der Wohnungstür, vor dem Haus, im Keller. Aus dem Briefkasten verschwand Post, Türschlösser waren plötzlich zugeklebt, auf ihren Namen erfolgten Bestellungen bei online-Versandhäusern. Freunde reagierten auf einmal komisch, weil er sie bei ihnen verleumdet hatte. Nach einer anonymen Anzeige meldete sich das Jugendamt bei Miriam T: Bei einem Hausbesuch stellte eine Mitarbeiterin dann fest, dass die Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehrten.

Eine weitere anonyme Anzeige beim Eigenbetrieb für Arbeit hatte erst einmal schlimmere Folgen: Auf die Behauptung hin, die junge Mutter würde mit einem Partner zusammenleben, wurden sofort die Zahlungen eingestellt. Erst nach persönlicher Intervention und langen Erklärungen konnte sie die Sache richtig stellen. Seit einiger Zeit fotografiert und filmt Fabio B. den Eingangsbereich und die Fenster ihrer Wohnung. "Er behauptet, er mache das im Auftrag des Eigenbetriebs", sagt Miriam T. empört - dass dies nicht stimmt, weiß sie inzwischen.

Etliche Anzeigen hat sie seither bei der Polizei gestellt. Mehrfach erhielt Fabio B. Platzverweise und Wegweisungen. Ihn scheint das nicht zu stören. Nach einer Gerichtsverhandlung, die mit einem Vergleich endete, hoffte Miriam T., dass es endlich vorbei wäre. War es nicht - der Vergleich ist nicht einklagbar und der Stalker macht weiter wie bisher.

Ein Horrorszenario für die 29-Jährige. Psychoterror. Sie traut sich kaum noch raus, leidet an Angstzuständen, schläft schlecht. Sie könnte auch eine Privatklage gegen ihren Peiniger einreichen. Doch abgesehen von den Kosten, bereitet Miriam T. die Vorstellung, sich mit dem Mann in einem Raum aufhalten zu müssen, einfach Panik. Sie kann nur hoffen, dass ihre Anzeigen weiter verfolgt werden.