Imposant: Der neue Abwasserkanal unter der Weißen Mauer ist ein mächtiges Bauwerk. (FOTO: PETER WÖLK)
Die Förderpraxis des Landes beim Bau von Abwasserkanälen ist höchst umstritten. Während Sachsen-Anhalt die Verlegung gänzlich neuer Leitungen finanziell bezuschusst, bleiben Abwasserwasserzweckverbände (AZV) auf den Kosten sitzen, wenn sie bereits vorhandene Kanäle - wie jetzt im Merseburger Straßenzug "Weiße Mauer" - erneuern. "Gerecht ist das nicht", sagt Uta Sonnenkalb, Geschäftsführerin des AZV Merseburg. Und auch Oberbürgermeister Jens Bühligen (CDU) stößt in das gleiche Horn. Vorerst werde man im Zuge des 8,5 Millionen Euro teuren Kanalbaus keine Anschlussbeiträge für Grundstücksbesitzer erheben, kündigte er gegenüber der MZ an. Er setze auf ein Umdenken in Magdeburg.
Dort ist das Kanalproblem nicht nur aus dem Saalekreis bekannt. Und es kommt offenbar Bewegung in die Angelegenheit. "Wir sehen auch, dass es sinnvoll ist, die Förderung zukünftig auf die Sanierung von alten Wasserversorgungs- und Abwasseranlagen auszudehnen, damit die Entgelte stabilisiert werden", sagt Jeanette Tandel, Sprecherin im Umweltministerium des Landes. Minister Hermann Onko Aeikens (CDU) wolle sich dafür einsetzen, dass Finanzmittel im Rahmen der neuen EU-Förderperiode ab 2014 "auch für diesen Zweck bereit gestellt werden können ", so Tandel.
Beim AZV nimmt man diese Botschaft mit Wohlwollen zur Kenntnis. "Vom Zeitraum her würde es passen. Der Kanalbau in der Weißen Mauer ist bis 2015 vorgesehen", erklärt Sonnenkalb. Derzeit lässt der AZV sein komplettes Kanalnetz in und um Merseburg untersuchen. Das Entsorgungsgebiet reicht von Schafstädt bis Schkopau und schließt Merseburg mit den Ortsteilen Geusa, Beuna sowie das benachbarte Frank-leben mit ein. Rund 11 000 Grundstücke sind an ein 560 Kilometer langes Kanalsystem angeschlossen. Ein Drittel der Rohre sind Altbestand, wurden vor 1990 gebaut.
"Wir gehen davon aus, dass so ein Schmutzwasserkanal etwa 60 Jahre hält. Dann muss er erneuert werden. Und genau diese Herausforderung kommt jetzt massiv auf uns zu", sagt die Geschäftsführerin. Der alte Sammler in der Weißen Mauer bildet da schon die Ausnahme. Er hat rund 100 Jahre auf dem Buckel. Andere Kanäle im Verbandsgebiet wurden Mitte des 20. Jahrhunderts in die Erde verlegt. Ein Großteil hat mehr als sechs Jahrzehnte durchgehalten. "Wir erstellen eine Prioritätenliste, anhand derer wir den Sanierungsbedarf eintakten", meint die AZV-Chefin. Im kommenden Jahr soll das Papier vorliegen. "Dann wissen wir auch, wie viele Millionen Euro investiert werden müssen." Und welche Summe als sogenannter Beitrag II auf die Bürger umgelegt werden kann.
Wie hoch diese Summe ist, will derzeit keiner sagen. Sonnenkalb verweist auf die Untersuchungen, die man erst abwarten müsse. Und OB Bühligen wiederum hatte sich schon zu den Straßenausbaubeiträgen für Anlieger der Weißen Mauer nicht geäußert - er werde erst etwas dazu sagen, wenn die tatsächlichen Baukosten im Frühjahr 2013 feststünden. Und so bleibt Grundstücksbesitzern in Sachen Kanalbau die Erinnerung an die Podiumsdiskussion der MZ zur Weißen Mauer im November 2011. Damals hatte die AZV-Geschäftsführerin erklärt, dass die Beiträge vermutlich deutlich unter 2,40 Euro pro Quadratmeter liegen dürften.