Wenn man in einer sternenklaren Nacht einen schnellen Lichtpunkt über den Himmel ziehen sieht, dann handelt es sich wohl nicht um ein Ufo, sondern wohl vielmehr um die Internationale Raumstation ISS. Nur wenige Leute hatten bisher das Glück, diesen Außenposten der Menschheit zu besuchen, dort kurzzeitig zu leben und zu forschen und den wohl schönsten Ausblick zu erleben, den man sich nur vorstellen kann, nämlich den auf unsere Erde.
Einer von ihnen ist Viktor Afanasiev. Viermal war der 64-jährige Russe im All. Über eineinhalb Jahre - nämlich beeindruckende 555 Tage - hat er dabei insgesamt auf der ISS und ihrer russischen Vorgängerin, der Mir, verbracht, 38 Stunden davon sogar im Außeneinsatz. "Es ist ein unglaubliches Gefühl, in der Schwerelosigkeit zu schweben und auf die Erde herabzublicken", erinnert sich Afanasiev. Doch werden bei ihm gerade auch viele Erinnerungen an die Zeit geweckt, bevor er Kosmonaut wurde. Denn zurzeit ist Afanasiev auf einer Rundreise durch Ostdeutschland, wo er Vorträge hält und die Orte besucht, an denen er zu DDR-Zeiten stationiert war.
Einer dieser Orte ist Merseburg, wo er von 1971 bis 1973 als Pilot tätig war. In der Domstadt besucht er das Luftfahrt- und Technikmuseum mit seiner Frau Yelena, seinem Freund Valeri Schtschepjotkin, der ebenfalls in Merseburg stationiert war und Dolmetscherin Wally Groß, die Afanasiev bereits 2002 kennengelernt hat und die ihn auf vielen seiner Deutschlandreisen begleitet.
Von den vielen Exponaten beeindruckt, berührt die beiden ehemaligen Piloten dennoch keines so, wie die Mig 21, der Abfangjäger, mit denen sie selbst jahrelang geflogen sind. "Da werden Erinnerungen wach", sagt Afanasiev, während Schtschepjotkin bereits die Treppe zum Cockpit heraufklettert um einen Blick hinein zu werfen. Merseburg selbst kennen sie jedoch größtenteils nur von oben, wie Afanasiev erklärt: "Von der Stadt habe ich damals leider nicht viel mitbekommen. Das einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass die Luft durch die Industrieanlagen sehr schlecht war. Deshalb war es gar nicht so einfach hier zu fliegen. Heute ist die Situation viel besser."
Pilot werden wollte Afanasiev schon immer, wie sein Berufswunsch Kosmonaut entstanden ist, erklärt er so: "Als Jury Gagarin als erster Mensch das Weltall erreicht hat, wollte ich das auch schaffen. Jedoch schien das Ziel so weit entfernt." Umso überraschter war er, als man ihm eine Kosmonautenausbildung anbot. "Ich habe alles dafür getan. Fünf Jahre hat es gedauert, bis das Training beendet war und ich meinen ersten Flug ins All erleben durfte." Seitdem hat er dort verschiedene Experimente und Aufgaben durchgeführt, wie beispielsweise das Anbringen von Sonnensegeln und Radioantennen an der ISS. Nach diesen Weltraumspaziergängen und seinen Eindrücken davon gefragt, antwortet er: "Das war kein Spaziergang, das war harte Arbeit. Da war leider nicht viel Zeit zum Erleben und Genießen."
Für seine Einsätze wurde er als Held der Sowjetunion ausgezeichnet. Seit etlichen Jahren lebt Afanasiev mit seiner Frau im Sternenstädtchen, einer kleinen Gemeinde von Kosmonauten und ihren Familien, in dem sich auch das Trainingszentrum befindet, nahe bei Moskau. "Bis vor kurzem war sogar Valentina Tereschkowa unsere Nachbarin", erklärt Yelena Afanasieva.
Auf die Frage, wie sie sich gefühlt hat, als ihr Mann sie für die Weltraumflüge verlassen musste, antwortet sie: "Schrecklich! Jeder Flug war mit Angst verbunden. Aber natürlich bin ich glücklich, dass er sich seinen Wunsch erfüllt hat und immer wieder heil gelandet ist."