Merseburg: Ist Fairwohnen wirklich fair?

05.07.2012 20:13 Uhr | Aktualisiert 05.07.2012 21:07 Uhr
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TLG

TLG wechselt den Besitzer. (FOTO: ARCHIV)

Von UNDINE FREYBERG
Am 29. Mai hatte die TLG an ihre Mieter in Merseburg einen Brief rausgeschickt. Der Inhalt: Keine Sorge - es bleibt alles beim Alten. Und das, obwohl seit Mitte April bekannt ist, dass alle 11 500 TLG-Wohnungen im Osten von der Bundesregierung verkauft werden sollen.
MERSEBURG/MZ. 

"Es stimmt also überhaupt nicht, was die TLG da schreibt. Das muss man sich vor Augen halten", versucht Angelika Hunger, Landtagsabgeordnete der Linken, die Gäste der Infoveranstaltung im Bürgerhaus in der Huttenstraße in Merseburg aufzurütteln. Wenn die von Politikern der Partei Die Linke gegründete Genossenschaft Fairwohnen den Zuschlag nicht bekäme, dann gingen alle Wohnungen vielleicht an einen internationalen Finanzinvestor, der vermutlich kein Interesse am Wohl der Mieter oder an der Sanierung von Wohnungen habe.

"Das darf nicht passieren", meldet sich ein Mieter aus dem Gerichtsrain zu Wort. "Jeder weiß doch, was in Dresden passiert ist." Die Stadt Drsdden hatte 2006 ihren kompletten Bestand von 48 000 Wohnungen an einen US-Investor verkauft, war damit zwar schuldenfrei, doch schon nach wenigen Jahren häuften sich zum Beispiel Beschwerden der Mieter über eine schlechte Instandhaltung der Wohnungen. "Wollen wir das hier auch haben?", fragt der 52-Jährige, der - mit Unterbrechungen - von Geburt an im Gerichtsrain wohnt. "Wir sollten uns die anderen Genossenschaften in Merseburg anschauen - die pflegen ihre Wohnungen."

Viele TLG-Mieter sind sich trotzdem noch unsicher, was die Genossenschaft Fairwohnen und ihre eigene finanzielle Beteiligung daran anbelangt. Wieviel Geld müssen wir beisteuern? Was kosten die Genossenschaftsanteile? Wieviel Geld könnten wir verlieren?

Joachim Kadler vom Vorstand der TLG Fairwohnen beantwortete im Bürgerhaus so viele Fragen wie möglich. "Jeder, der unserer Genossenschaft beitritt, zahlt zunächst 105 Euro, das ist das Eintrittsgeld. Davon kann - falls wir den Zuschlag nicht bekommen - möglicherweise nicht alles zurückgezahlt werden", so Kadler. "Denn wir haben natürlich auch Kosten. Wir gehen aber sehr verantwortungsvoll mit dem Geld um."

Jedes Mitglied muss zusätzlich zum Eintrittsgeld noch zehn Pflichtanteile zu 51,13 Euro zeichnen. Die könne aber jeder in komfortablen Raten ohne Zeitbegrenzung zahlen. Hinzu kämen Anteile entsprechend der Wohnungsgröße, die mit den Pflichtanteilen verrechnet würden. "Das wären für unsere Karnickelbuchte mit Schimmel 2 600 Euro", empört sich eine Frau aus der Schillerstraße. "Warum sollen wir das bezahlen?" Wenn die neue Genossenschaft die Wohnungen übernehme, habe sie bestimmt die Kraft, sich um die Sanierung von Wohnungen zu kümmern, machte Kadler Mut.

Jörg Neumann, der im Augenblick überlegt, in eine TLG-Wohnung zu ziehen, sieht auch die Stadt Merseburg in der Verantwortung. "Die Stadt müsste doch größtes Interesse an der Genossenschaft Fairwohnen haben, denn der ganze Wohnraum könnte doch verloren gehen, wenn er in die falschen Hände gerät." Damit würde die Stadt die Bürger fallenlassen.

"Wir haben mittlerweile im Bieterverfahren um die Wohnungen ein Gebot abgegeben", erzählt Joachim Kadler den Mietern. Am Ende des Jahres entscheide der Bundesfinanzminister, wer den Zuschlag bekomme. Eine große Zahl von Genossenschaftsmitgliedern hätte Symbolkraft. Es würde bedeuten: Die Menschen im Osten möchten, dass mit ihren Wohnungen, in denen sie zum Teil schon seit langem wohnen, verantwortungsvoll umgegangen wird. Kadler: "Deshalb brauchen wir - auch in Merseburg - vor Jahresende so viele Beitrittserklärungen wie möglich, um dieses Signal zu setzen."

"Ich werde jedenfalls ganz schnell eintreten", sagte der Mann aus dem Gerichtsrain der MZ. "Das ist unsere einzige Chance."