Das Wandgrabmal des Kammerdieners Johann Georg Voigt und seiner Familie (jetzt Stockmar) stammt von 1731. Gestohlen wurden die Darstellungen der Nächstenliebe und der Hoffnung. (FOTO: JUNGHANS)
Peter Ramm ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. "Ich stehe unter Schock. Hier sind unschätzbare Werte gestohlen worden", sagt der Historiker. Am Sonnabend hatte Ramm das Verbrechen bemerkt, just als er mit dem Chef des Merseburger Altstadtvereins, Horst Fischer, einen Hamburger Stifter über den Stadtfriedhof führte. Von ihm erhoffen sich der Altstadtverein und das Evangelische Kirchspiel als Träger des Gottesackers eine Spende, um die zum Teil prächtig verzierten und gestalteten Gräber aus dem 18. Jahrhundert restaurieren zu können. Doch gerade jene drei Grabbögen, die noch in diesem Jahr vor dem Verfall gerettet werden sollen, hatten unbekannte Räuber geplündert. Sie lösten Engel, Putten und Frauenfiguren aus Buntsandstein professionell von ihren Plätzen. Die Schändung eines weiteren Grabes, hier wurde ein Engel abgerissen, steht mit der Tat wohl nicht in Zusammenhang.
"Ich bin bestürzt, auf welche Weise die Friedhofsruhe gestört worden ist", reagiert Pfarrer Martin Eberle. Er ist überzeugt, dass die Kunstwerke der bedeutenden Bildhauer des Barock - Johann Michael Hoppenhaupt, Christian Trothe und Johann Heinrich Agner d.Ä. - gezielt geraubt worden sind. "Wer das getan hat, der kannte sich aus und wusste, wonach er suchen musste", sagt Eberle. So hätten die Täter die beiden Figuren "Tod" und "Totengräber" von Christian Trothe stehen lassen. "Das sind auch Replikate. Die Originale stehen im Museum. Das haben die Räuber anscheinend gewusst." Der finanzielle Schaden lässt sich nach den Worten des Dompredigers nicht ermessen. "Soweit ich weiß, gibt es für solche Stücke keinen legalen Markt. Was auf dem Schwarzmarkt für die Skulpturen gezahlt wird, weiß ich nicht." Unersetzbar sei aber der ideelle Wert für Merseburg, die Kirche und die Kunstliebhaber. "Die Tat ist für alle Menschen ein Schlag ins Gesicht, die sich für den Erhalt der Grabstätten einsetzen", erklärt Eberle.
Über den Tathergang ist noch nicht viel bekannt. Am Sonntag hieß es noch von Seiten der Polizei, dass der Diebstahl auch schon längere Zeit zurückliegen könnte. Doch daran glaubt Peter Ramm nicht. "Wir denken, den Zeitraum eingrenzen zu können. Nach Berichten von Augenzeugen und Friedhofsnutzern war bis zum Freitag wohl noch alles in Ordnung", erzählt der Historiker. Wahrscheinlich hätten die Räuber am späten Freitagnachmittag zugeschlagen. "Dann ist auf dem Friedhof nicht mehr so viel los." Erst gegen 20 Uhr werden hier die gusseisernen Tore geschlossen.
Für den Transport müssen die Täter ein Fahrzeug genutzt haben. Laut Ramm wurde auf dem Friedhof an den geschändeten Gräbern eine Reifenspur gefunden. Sie könnte von einer Schubkarre stammen. Möglich wäre es aber auch, dass die Räuber mit einem Auto auf den Friedhof gefahren sind. Steinmetze nutzen immer wieder diese Möglichkeit. Peter Ramm setzt jetzt auf die Hilfe der Bevölkerung. "Ich hoffe, dass jemand etwas gesehen hat. Ich habe die Kunstwerke noch nicht abgeschrieben", sagt er. Die Kriminalpolizei des Merseburger Reviers äußerte sich am Montag nicht näher zu der Attacke. Man ermittele in alle Richtungen, hieß es.
Altstadtverein und Kirche kämpfen seit Jahren um eine Restaurierung der barocken Grabanlagen. Von 1992 bis 1995 waren über 100 000 Euro von der Bundesstiftung Umwelt in die Restaurierung von acht Grabmalen geflossen. Betreut wurde das Projekt von Denkmalschützern des Kreises und des Landes. Schließlich hatten die Schwefeldioxid haltigen Abgase der Merseburger Papierfabrik den Skulpturen schwer zugesetzt. "Wir als Kirchspiel können die Restaurierung nicht alleine schultern und brauchen Sponsoren", erläutert Pfarrer Eberle. Wie wertvoll die Kunstwerke sind, zeigt das Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Dort hat der Gottesacker einen Stern bekommen - wie Dom und Schloss, die Neumarktkirche und das Ständehaus.
Hinweise an die Polizei unter der Nummer 03461 / 44 62 91