Henry Beissel war nach vielen Jahren wieder zu Gast in Merseburg. (FOTO: MZ)
Der Name Walter Bauer ist den meisten Literaturliebhabern in unserer Region wohl ein Begriff. Zu Ehren des gebürtigen Merseburger Schriftstellers hat man die örtliche Stadtbibliothek und einen Literaturpreis, der seit 1994 alle zwei Jahre verliehen wird, nach ihm benannt. Der erste dieser Preisträger war ein guter Freund Walter Bauers und heißt Henry Beissel. Seit 1951 wohnt der in Köln geborene Schriftsteller in der Nähe von Ottawa in Kanada. Über 40 Bücher, die Hälfte davon Gedichtbände, hat der 83-Jährige bisher verfasst. Zudem schreibt er Theaterstücke, Übersetzungen und Essays, vorwiegend in Englisch. Seit dem 4. Juni reist er durch Deutschland, wo er diverse Lesungen hält.
Aus diesem Grund hat Jürgen Jankofsky, ebenfalls Schriftsteller und Walter-Bauer-Preisträger, ihn in die Domstadt eingeladen, wo er an einem Vormittag in der Hochschulbücherei aus einem seiner neuesten Werke mit dem Titel "Coming to Terms with a Child" vorgelesen hat. Aus demselben Buch las Beissel dann am Nachmittags in der Stadtbibliothek, jedoch aus der deutschen Fassung "Ein Kind kommt zur Sprache". Dies ist sein erstes autobiographisches Werk, wie Beissel erklärt: "Als mein Enkel geboren wurde, wusste ich, dass ich ihm eine Erklärung über mein Leben schulde. Deshalb habe ich ein Buch geschrieben, welches meine Kindheit in Nazi-Deutschland behandelt". Die Publikation hat in Kanada viel Aufsehen erregt und wurde sogar für den Canada-Jewish-Price nominiert.
In dem Buch beschreibt Beissel auch seine Beweggründe, Deutschland zu verlassen. "Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Gräueltaten des NS-Regimes ans Tageslicht kamen war ich beschämt und wütend. Ich fühlte mich von den Lehrern, Priestern, ja sogar von meinen Eltern verraten und wollte einfach nur weg aus Deutschland, so weit wie möglich", fasst er zusammen. "Doch", so wendet er umgehend ein: "wäre ich heute nicht hier, wenn ich meine Meinung über Deutschland nicht geändert hätte. Genozide gab und gibt es leider überall auf der Welt. Deutschland ist jedoch eines der wenigen Länder, welches sich seiner historischen Verantwortung gestellt hat und dafür Sorge trägt, dass so etwas Schreckliches nicht wieder vorkommt".
Doch so hat es ihn damals, ebenso wie Walter Bauer, nach Kanada verschlagen. "Ich schätze die Weite des Landes. Man hat enorm viel Freiraum und eckt nicht so leicht an andere an", erklärt Beissel seine Vorliebe für das Land der Ahornbäume und fügt hinzu: "Trotzdem sind die Kanadier unheimlich tolerant, gerade weil man in den ländlichen Gebieten sehr aufeinander angewiesen ist". Diese enorme Weite hat auch Jürgen Jankofsky beeindruckt, als er Beissel vor einiger Zeit besucht hat. "Ich wollte mit Henry ins Theater. Wofür man bei uns nach Halle oder Leipzig fährt, sind wir in Kanada über 500 Kilometer gefahren", sagt der Leunaer Schriftsteller. Dies entspricht schon fast dem Pensum, welches Beissel auf seiner Lesungsreihe durch Deutschland absolvier.
In Merseburg möchte er noch einmal an seinen 1976 verstorbenen Freund Walter Bauer erinnern. "An seinem Sterbebett habe ich ihm versprochen, dafür zu sorgen, dass sein Werk nicht vergessen wird", erklärt Beissel. Deshalb hat der Wahlkanadier viele Werke aus dem Nachlass Walter Bauers an die Stadtbibliothek vermacht und bei seiner dortigen Lesung einige von dessen Gedichten vorgetragen, "um meinen Freund die Treue zu halten", resümiert Beissel.