Die Leiterin der Interventionsstelle «Häusliche Gewalt und Stalking» beim Awo-Regionalverband Halle-Merseburg, Silke Schneider. (FOTO: MZ)
"Im Jahr 2011 wurden mir im Saalekreis 110 Fälle von häuslicher Gewalt oder Stalking gemeldet", sagt Silke Schneider der MZ. "Und obwohl das Jahr 2012 erst sechs Monate alt ist, haben wir schon 66 bekannte Fälle." Die Leiterin der Interventionsstelle "Häusliche Gewalt und Stalking" beim Awo-Regionalverband Halle-Merseburg befürchtet daher, dass die Zahlen am Jahresende Vorjahresniveau erreichen.
Kaum Gewalt im ländlichen Raum?
15 Fälle von häuslicher Gewalt oder Stalking wurden in diesem Jahr bereits aus Merseburg gemeldet, 15 insgesamt aus Bad Dürrenberg, Bad Lauchstädt und Braunsbedra, sieben Fälle aus dem nördlichen Saalekreis und nur drei aus dem Raum Querfurt. "Ich bezweifle allerdings, dass diese Zahl das widerspiegelt, was tatsächlich passiert. Gerade im ländlichen Bereich mischt man sich nicht so schnell in die Dinge des anderen ein, während in der Stadt dann doch mal eine Nachbarin zum Telefon greift und die Polizei alarmiert", so Schneider. Oftmals werde häusliche Gewalt auch gar nicht als solche erkannt. "Es geht dabei nicht nur um Schläge, sondern auch um psychische Bedrohung, Beleidigung und Beschimpfung", erklärt die Leiterin der Interventionsstelle, die am Montag ihr zehnjähriges Bestehen feiert.
Wird die Polizei alarmiert, können die Beamten mit Zustimmung des Opfers die Interventionsstelle informieren, die dann Kontakt aufnimmt. "Im Gegensatz zu allen anderen Stellen, die Hilfe anbieten, bin ich die einzige, die zu den Betroffenen kommt", erklärt die 46-Jährige. Das habe den Vorteil, dass die Opfer nicht auch noch die Hemmschwelle überwinden müssen, irgendwo hinzugehen. Der Kontakt finde so schnell wie möglich statt, meist am nächsten Arbeitstag. Sie biete zuerst eine Gefährdungsanalyse und Sicherheitsplanung an, prüfe dann für die Opfer, welche rechtlichen Möglichkeiten sie haben, vermittelt sie zu Anwälten und Opferberatungsstellen. "Die Polizei kann einen Gewalttäter maximal 14 Tage der Wohnung verweisen. In dieser Zeit muss das alles passieren." Denn viele gewalttätige Männer seien zwar kurz nach der Tat einsichtig, und ihnen tut es leid, aber irgendwann gehe es wieder von vorne los.
Auch Männer häufig Opfer
Rund 15 000 Kilometer ist Silke Schneider pro Jahr unterwegs. Als Einzelkämpferin ist sie nicht nur für Halle und den Saalekreis (seit 2004 für Merseburg-Querfurt), sondern auch für den Burgenlandkreis und Mansfeld-Südharz zuständig. Im Jahr 2010 wurden ihr aus diesem Bereich insgesamt 525 Fälle von häuslicher Gewalt oder Stalking bekannt gemacht, 2011 waren es 584, 2012 sind es bereits 260. "In acht bis zehn Prozent der Fälle sind Männer die Opfer von häuslicher Gewalt", so Schneider, die mehr für das Thema häusliche Gewalt sensibilisieren möchte - auch durch regelmäßige Schulungen der Polizeibeamten in den jeweiligen Landkreisen.
Silke Schneider von der Interventionsstelle "Häusliche Gewalt und Stalking" ist unter Tel. 0345 / 6 86 79 07 zu erreichen.