Viola Till stellte sich der Herausforderung des Seitenwechsels. (FOTO: MZ)
Im Büro der Leunaer Tagesstätte für psyschich Kranke klingelt das Telefon. Viola Till geht an den Apparat und spricht mit dem Anrufer. Das ist nicht selbstverständlich. Oftmals ist die 51-Jährige zu kraftlos, um überhaupt etwas zu machen. Viola Till ist eigentlich Klientin in der Tagesstätte, leidet an einer Essstörung und hat beim ambitionierten Projekt "Seitenwechsel" teilgenommen.
Die Besucher der Tagesstätte übernehmen den Job der Mitarbeiter, während die sich versuchen im Hintergrund zu halten. Seit Februar kommt die 51-Jährige von Braunsbedra nach Leuna und verbringt hier ihren Tag. "Mir geht es hier besser. Aber ich fühle mich immer noch zu dick", sagt die spindeldürre Till, die nach eigenen Angaben die letzten Jahre mehr in Krankenhäusern als zu Hause verbracht hat.
In der Tagesstätte sollen die Klienten an einem relativ normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Viele haben Angststörungen, trauen sich beispielsweise im Normalfall nicht auf die Straße; auch das Borderline-Syndrom oder schizophrene Erkrankungen gehören zu den Diagnosen der Klienten. Unter schweren Depressionen leiden hier viele. "Wir organisieren gemeinsam den Alltag", so Teamleiterin Ina Krocker. Ein gemeinsames Frühstück, Beschäftigungstherapien, Einkäufe oder Spaziergänge sollen zu einem gemeinschaftlichen Leben führen.
"Hier sind viele, die eine gute Ausbildung haben", so Krocker. Ein Ziel sei es, Verantwortung und Stärken aus den Klienten herauszukitzeln. Dazu diene nun auch der "Seitenwechsel". Stärken und Grenzen sollen erfahren werden, doch nicht nur auf Seite der Klienten. "Es fällt schwer in bestimmten Situationen nicht einzugreifen", so Teamleiterin Krocker. Auch die Angestellten erfahren also in den zwei Tagen, was es heißt, an die eigenen Grenzen zu gehen.
Die Küche wird von Klienten geführt, die Beschäftigungstherapie organisiert oder die Einkäufe erledigt. "Es ist ein Perspektivenwechsel, der auch uns zugute kommen soll", so Krocker. Betriebsblindheit soll so vermieden werden.
So unterschiedlich die Besucher der Tagesstätte, so unterschiedlich verhalten sie sich. "Manche unserer Prognosen zu den Reaktionen sind nicht eingetreten", so Krocker. Die eigentliche Arbeit beginne nun mit der Aufarbeitung im Nachgang.
Viola Till ist indes gut im Büro zurecht gekommen. "Es war anstrengend, aber auch interessant", sagt sie lächelnd am Tagesende.