«Nordlandreise»: Für Hesse war Halle eine Sommersprosse

10.08.2012 20:17 Uhr | Aktualisiert 10.08.2012 20:58 Uhr
Eher kein Halle-Fan: Hermann Hesse (FOTO: ARCHIV) 
Von Bernhard Spring
Der Dichter Hermann Hesse schrieb über Städte wie die Saalestadt wenig Schmeichelhaftes. Dennoch pflegte er Kontakte hierher.
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Halle (Saale)/MZ. 

Auf der Flucht vor Unmengen von Leserpost und begeisterten Lesern, die ihn im heimischen Calw aufsuchten, begab sich der Star-Schriftsteller Hermann Hesse über die Ostertage 1928 auf ein Reise, die ihn unter anderem auch nach Halle führte. Ziellos fuhr er durch das Land, setzte sich "immer wieder in irgendeinen Zug, in einen dieser engen, unmenschlichen überfüllten Eisenbahnwagen, in denen die Luft so schlecht ist und aus deren Fenstern man stundenlang und tagelang nur Bahnhöfe und Fabriken zu sehen bekommt", wie Hermann Hesse es dann selbst notierte.

Des Dichters "alte Abneigung gegen die Eisenbahn" schlug durch, wie es später in einem Artikel für das "Berliner Tageblatt" hieß. Doch die alten Städte mit ihren "gotischen Portalen und Rokokogärten" wogen die beschwerliche Eisenbahnfahrt auf - und so fuhr Hesse auf seiner "Nordlandreise" über Halle und Berlin, bis er irgendwo in Brandenburg an Umkehr dachte. Doch statt mit dem Zug reiste er mit einer Maschine der Lufthansa zurück nach Schwaben - und entdeckte überrascht Deutschland von oben: Es "war gar nicht so, wie die Eisenbahnreise es einen vorzutäuschen suchte! Deutschland bestand ja weder aus Zement, noch aus Blech, weder aus Fabriken noch aus Bahnhöfen, sondern aus lauter Wald und Erde, aus Äckern, Hügeln, Flüssen, aus zauberhaft rosig gefärbten Erdflächen … Dies Berlin, dies Halle, dies Leipzig, sie waren kleine unwesentliche Entstellungen, sie waren kleine Sommersprossen auf dem Gesicht Deutschlands, alles andre bestand aus solider Erde, aus herrlichem Grün."

Dass aber Halle noch mehr als Fabrik und Bahnhof zu bieten hatte, wusste auch Hesse. So pflegte er etwa den Kontakt zu dem halleschen Schriftsteller Alfred Wolfenstein, den er als "Dichter von Rang" schätzte. Und auch mit der aus Halle stammenden Ina Seidel hielt Hesse postalisch Freundschaft und lobte ihre Bücher auch noch, nachdem die "hochbegabte, etwas schwerblütige Frau" 1933 das "Gelöbnis treuester Gefolgschaft" zu Hitler unterzeichnet hatte. Noch 20 Jahre später tauschten beide sich vertraut über Schreibprojekte und Altersgebrechen aus.

Auch für Halles Universität interessierte sich Hesse - nicht nur wegen des Hassbriefs eines völkischen Studenten, der dem späteren Nobelpreisträger vorwarf, mit seinem sensiblen Werk "aus Männern Weiber machen zu wollen". "Was ist das für eine vereinfachte, verarmte, mäßig dünne Geisteswelt!", echauffierte sich der Dichter.

Doch trübte dieser Angriff nicht seine Verbundenheit mit Halles Universität: 1936 etwa machte sich Hesse für den von den Nazis angefeindeten Professor Wilhelm Waetzoldt stark, indem er dessen "Dürer"-Ausgabe lobend besprach. Und in seinem Roman "Das Glasperlenspiel" (1943) ließ er die Figur des Magisters Oetinger sogar in Halle studiert haben.