Letztere war zu Franckes Zeiten ein bekanntes Lokal, "Zum Raubschiff" genannt, und auch das Wohnhaus des Pädagogen Francke, das sogenannte Direktorenhaus, war einst eine Kneipe. Überliefert sind seine Klagen über das ausschweifende und sündige Nachtleben in zu vielen Häusern in Glaucha. Und nun also vermutlich auch noch Haus Nr. 3! Ausgrabungen haben eine Toreinfahrt und Pferdeställe ans Tageslicht gebracht, was die Existenz eines Gasthauses mit Zimmervermietung vermuten lässt.
Einschlägig genutzt, dieses schöne Gebäude, könnte man sagen. Und schon darf das erste Sternchen verliehen werden: für die gelungene denkmalgerechte Sanierung. Die Struktur des Hauses wurde erhalten, und in der eher nüchternen Innenausstattung ist der Charakter der Franckeschen Stiftungen zu finden. Weiße Wände und schlichte viereckige Lampen harmonieren mit alten, dunklen Holzbalken. Auch die gläserne Eingangstür zur oberen Etage passt gut zu den kleinen Sprossenfenstern. Die Einrichtung ist geschmackvoll, Plüsch und Kitsch gibt es nicht.
Wechselnde Karte
Die wöchentlich wechselnde Karte ist überschaubar, dem Bistrocharakter des Hauses angemessen. Man habe, erklärt uns Geschäftsführer Reinhardt Bauer, die Latte erstmal nicht zu hoch hängen wollen, aber es sei noch Luft nach oben. Ja, das schon, können wir bestätigen, aber die Basis ist durchaus vielversprechend.
Zwar verzog das Kind - schulspeisungsgeschädigt und deshalb nicht ernstzunehmen - das Gesicht beim Blick in die Karte, es fand nichts, wirklich gar nichts, was ihm behagte. Die Reibekuchen seien ja mit Lachs, also nein, die Spaghetti mit Knoblauch, würg, und Reis in Verbindung mit Curry, bäh. War aber kein Problem. Nudeln mit Tomatensoße wurden gebracht, Limonade in Bioqualität dazu - der Nachwuchs schwieg beruhigt.
Zur Zeit unseres Besuches - und auch noch jetzt - ist eine Erdbeerkarte aktuell, die interessante Kreationen bereithält. Einen Mozarella-Erdbeer-Salat mit Basilikumpesto und Baguette für 5,20 Euro - er wurde einhellig für köstlich befunden. Die Spaghettini in Trüffelbutter - ebenfalls mit Erdbeeren - für 9,90 waren nicht schlecht, wenngleich geschmacklich nicht überraschend. Ebenso das Rumpsteak auf Erdbeer-Pfeffersauce und Salatbouquet für 16,90. Die Hauptgerichte fielen im Vergleich zu den Vorspeisen leider ein wenig ab. Wobei: Die Spaghettini Aglio e Peperoncino mit gebratenem Lachs und fruchtiger Tomaten-Chilisauce (13,90 Euro) waren wirklich gut.
Das Aha-Erlebnis hatte unsereins allerdings schon vorher, bei den Agnolotti di Fassona. Das sind kleine Teigtaschen, gefüllt mit Rinderhack, serviert mit geschmorten Kirschtomaten, glasierten Zwiebeln und Parmesan. Ein wenig zu bissfest vielleicht an diesem Abend, aber geschmacklich durchaus eine Entdeckung. Dann hatten wir noch eine Antipasti-Platte mit Schinken, Salami, Käse, Meeresfrüchtesalat und sehr scharfem Chiliöl (9,90 Euro). Auch die wurde für gut befunden. Das Dessert - Joghurt mit Erdbeertopping für 2,80 und Orangen-Gazpacho auf Bourbon-Vanilleeis für 4,90 Euro - könnte man wieder in die Schublade "solide und gut" stecken.
So viel zu den zu kauenden Genüssen. Aber die Tranquebar hat ein Weinkonzept, das ist auf jeden Fall sehr besonders. Angeboten werden - Geschäftsführer Reinhardt Bauer ist Weinhändler - über 40 offene Weine (Ziel: 50) und momentan 50 Flaschenweine (Ziel: unbegrenzte Anzahl), überwiegend aus Deutschland, Italien und Spanien und allesamt auch käuflich zu erwerben. Serviert werden die offenen Weine, falls nicht anders gewünscht, in 0,1-Gläsern.
Überhaupt, der Wein. Reinhardt Bauer hat seinen Handel in Süddeutschland aufgebaut nach Jahren im Schuldienst, ist dem Getränk in Bewunderung verfallen und plant mehr, viel mehr: "Ich möchte eine Weinschule aufbauen, Weinseminare anbieten. Ab Herbst wird mir ein geschulter Kollege zur Seite stehen." Bauer hat in Halle einst das Château und Co. geführt, als es noch am Kirchtor zu finden war, und er plant wieder ein ähnliches Projekt. Zudem hat er sich auch mit dem Gut Tannepöls bei Zörbig einen Namen gemacht.
Doch zurück zur Tranquebar: Zusätzlich zum Weinbistro gibt es demnächst auch noch einen Freisitz im Innenhof. Umgeben von einem verglasten Laubengang und sich in der gläserenen Fassade der Bundeskulturstiftung im Abendsonnenlicht spiegelnd, lässt es sich dann ruhig sitzen und genießen.
Mission in der indischen Stadt
Das Letzte in Kürze: Der Name "Tranquebar" bezeichnet eine Stadt in Südindien, die Ausgangspunkt war für die Missionstätigkeit, damals als dänische Kolonie. Die Pietisten um Francke und seine Nachfolger sorgten fast 150 Jahre lang für die Auswahl und Ausbildung neuer Missionare, die nach Indien gingen. Aber natürlich ist die "Bar" im Namen durchaus als Anspielung aufs Jetzt gemünzt.