Bald kann der Hex bei Frose nicht mehr fahren, die Strecke wird neu gebaut. (ARCHIVFOTO: FRANK GEHRMANN)
Es geht um nur rund zwei Kilometer, die aber haben es in sich: Der Boden unter dem Abschnitt Frose-Nachterstedt / Hoym der Nordharz-Bahnlinie Halle-Halberstadt-Wernigerode ist so löchrig, dass er nun aufwendig stabilisiert wird. Eine Herausforderung nicht nur für Ingenieure und Bauleute, sondern auch für die Reisenden, darunter zahlreiche Pendler. Vom 8. August bis zum 8. Dezember wird die Strecke in diesem Bereich voll gesperrt und neu gebaut, Busse werden eingesetzt. Eine der Hauptschlagadern im Schienennetz des Landes ist damit für vier Monate empfindlich gestört.
Von Stollen durchlöchert
"Wir sind alles andere als begeistert", sagt Klaus Rüdiger Malter, Chef der Landesnahverkehrsgesellschaft Nasa. Malter sagt aber auch: "Die Sicherheit der Fahrgäste geht vor." Genau deshalb hat die Bahn bei Frose schon im Januar 2010 eine Langsamfahrstelle eingerichtet. Seitdem dürfen die Züge dort nicht schneller als Tempo 50 fahren. Die Strecke verläuft über ein ehemaliges Bergbaugelände, das durchlöchert ist mit alten Stollen. Ganz in der Nähe, in Nachterstedt, kam vor drei Jahren die Böschung des Tagebaurestloches Concordiasee ins Rutschen und riss drei Menschen mit sich.
Einst wurde in der Grube "Ludwig" bei Frose unter Tage Braunkohle abgebaut. Die Stollen wurden zum Teil verfüllt, dennoch sackt der Boden immer wieder ab. Laut Bahn wurden allein im Bereich der ehemaligen Grube "Ludwig" zwischen 1940 und 2009 54 solcher Tagesbrüche registriert. Es ist eine Rechnung mit Unbekannten: Es sei unklar, wie viele Stollen mit welchem Material verfüllt seien und welche vielleicht durch aufsteigendes Grundwasser freigespült worden seien, sagt Rüdiger Schwarz, Projektleiter für die Streckensanierung. Kurz: "Was da unten wirklich passiert, wissen wir nicht."
Beraten von externen Ingenieuren und Wissenschaftlern, will die Bahn den Problemen nun mit einer speziellen Technologie zu Leibe rücken: Nach dem Abbau der Gleise wird der Boden zunächst verdichtet, indem Spezialkräne aus einer Höhe von bis zu 25 Metern Gewichte bis zu 30 Tonnen fallen lassen. Anschließend wird der Untergrund geglättet und mit einem Gemisch aus Zement und Kalk versehen. "Volkstümlich könnte man sagen, wir bauen eine Straße", sagt Schwarz. Auf die kommt dann ein zwei Meter dickes sogenanntes Bodenpolster, aufgeschichtet aus einem speziellen Kunststoff und einem Spezialsplit. Beide wurden extra für das 5,5 Millionen Euro teure Projekt hergestellt. Das Polster soll mögliche neu entstehende Hohlräume im Boden überbrücken.
Erfahrungen aus Gröbers
Viele Erfahrungen mit einem solchen Verfahren gibt es nicht: Bisher wurden solche Bodenpolster in Sachsen-Anhalt laut Bahn nur beim Bau der S-Bahn-Strecke Halle-Leipzig in Gröbers (Saalekreis) verwendet. Das Unternehmen spricht denn auch von Arbeiten, die "geo- und ingenieurtechnisch besonders anspruchsvoll" seien. Wie anspruchsvoll, das zeigt sich bereits vor einem Jahr: Damals musste die Bahn die Ausschreibung für die Sanierung der Strecke stoppen und das Projekt neu planen. Der Grund: Der Boden hatte sich als noch instabiler herausgestellt als zunächst angenommen. Das hatten probeweise Verdichtungen von Flächen neben der Bahnlinie ergeben.