Alte Salzgrube: Bröckelndes Atom-Grab Asse

09.05.2012 20:15 Uhr | Aktualisiert 09.05.2012 20:35 Uhr
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Asse

Die Situation in der Asse spitzt sich zu. An einigen Stellen tritt bereits Salzlauge aus. (FOTO:DAPD)

Von Hendrik Kranert-Rydzy
In der Asse lagern tausende Fässer mit radioaktivem Müll. Weil Wasser eindringt und das Gebirge drückt, wird die Situation immer gefährlicher.
REmlingen/MZ. 

Vor drei Jahren ist Gerhard Tehws noch durch Abbaukammer fünf gekrochen. Bei mehr als 30 Grad, in Trümmern losen Salzgesteins. Durch Türme aus gelben Fässern, in denen die strahlende Hinterlassenschaft aus bundesdeutschen Kernkraftwerken lagern. Heute ist daran nicht mehr zu denken. Der Strahlenschutzbeauftragte weist auf eine weiße Mauer, aus der Steine bröckeln: "Das Gebirge drückt", sagt der Mittfünfziger. Das Gebirge, das sind Millionen Jahre alte Salzschichten unter dem Dörfchen Remlingen südöstlich von Wolfenbüttel. Remlingen? Kennt kaum einer. Dafür aber den Namen der alten Stein- und Kalisalzgrube am Ortsrand: Asse.

Asse ist das Synonym für jahrelangen Schindluder im Umgang mit radioaktivem Abfall und Desinformation der Öffentlichkeit. Von 1967 bis 1978 entsorgte die bundesdeutsche Atomindustrie, anfangs zunächst sogar kostenlos, rund 89 000 Tonnen schwach- und mittelradioaktive Abfälle in der Asse. In mehr als 126 000 Fässern. Anfangs wurden sie gestapelt, später einfach vom Radlader gekippt wie Kohlebriketts. Mit ausdrücklicher Billigung der Bundesregierung firmierte die Asse als Forschungsbergwerk der Helmholtz-Gesellschaft. Öffentlich wurde der Eindruck vermittelt, die Fässer kämen nach Abschluss der Forschungsarbeiten wieder hinaus.

"Die Öffentlichkeit wurde jahrelang belogen", sagt Werner Nording heute nüchtern. Der Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz hat einen heiklen Job: Er muss nach Jahren des Verschleierns und Vertuschens versuchen, Vertrauen im Umland aufzubauen. Angesichts dessen, was in der Asse noch ansteht, ein extrem schwieriges Unterfangen.

Niemand weiß bis heute genau, was in der Grube lagert. Es wurde kaum dokumentiert. "Und es wurde getrickst", sagt Nording. Um eine geringere Strahldosis zu suggerieren, wurden zum Teil Fässer mit Abfällen innerlich mit Blei verkleidet. Und in der Asse lagern mindestens 27 Kilogramm des hoch radioaktiven Supergifts Plutonium. "Verschmiert" in den tausenden Fässern. Schon kurz nachdem der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) 2009 der Helmholtz-Gesellschaft die Zuverlässigkeit absprach und die Asse in die Hände des Bundesamtes übergab, zeichnete sich ab, dass der Müll in der Asse wohl nur sicher zu verwahren ist, wenn er aus der einsturzgefährdeten Grube wieder herauskommt.

Für das Rückhol-Szenario laufen derzeit die Vorbereitungsarbeiten auf Hochtouren. Zwei der insgesamt 13 Kammern, die mit Atommüll befüllt wurden, werden derzeit für Probebohrungen vorbereitet. Ein extrem aufwendiges Unterfangen. "Wir müssen jede Kontamination der Biosphäre mit Radioaktivität vermeiden", sagt Sicherheitsbeauftragte Annette Parlitz. Was in einem Atomkraftwerk Standard ist, wird in einem Bergwerk zu einer technischen und finanziellen Herausforderung.

Vor Kammer sieben ist ein hermetisch abgeriegelter Bereich gebaut worden. Die Kammer, in der unter Unterdruck gebohrt werden soll, ist taghell erleuchtet und wirkt wie ein OP-Saal. Vor der Schleuse liegt ein Fußbodenbelag, dessen rund 2 000 Platten alle einzeln mit einem Erdungsdraht versehen wurden. "Wollte einer der Gutachter", sagt Parlitz achselzuckend. Mit Hilfe der Bohrung soll erkundet werden, in welchem Zustand sich die Fässer dahinter befinden. Es geht um die Frage, ob sich diese überhaupt noch aus der Grube holen lassen. Darauf ruhen bislang alle Hoffnungen.

330 Bergleute in der Asse arbeiten in drei Schichten gegen die Zeit: Bis 2020, haben Gutachter prognostiziert, seien die Gebirgsbewegungen beherrschbar. Die Verformungen wiederum sind dafür verantwortlich, dass die Spalten und Klüfte immer größer werden - und immer mehr Wasser ins Bergwerk strömt. Dass die Asse eine feuchte Grube ist, wusste man schon, als die Atommüll-Einlagerungen begannen. "Wasser, Salz und Atommüll vertragen sich aber nicht", weiß Nording. Bereits jetzt tropft es in Kammer acht: Täglich 16 Liter haben Kontakt mit dem Atommüll und werden radioaktiv verseucht. Das Wasser wird in speziellen Behältern in der Grube gesammelt. Zudem laufen täglich 12 000 Liter unbelastetes Wasser in das Bergwerk, das wieder nach oben gepumpt wird. Zum Vergleich: Im sachsen-anhaltischen Endlager Morsleben, gut 30 Kilometer Luftlinie entfernt, sind es auch 12 000 Liter - pro Jahr. Maximal 500 000 Liter würden die Pumpen schaffen. "Wir leben ständig mit der Gefahr, dass die Grube absäuft", sagt Nording trocken. Was danach passiert, wäre wohl nicht nur für das niedersächsische Harzvorland der GAU: Die strahlenden Grubenwässer würde über kurz oder lang die grundwasserführenden Schichten erreichen.

Doch selbst wenn alles nach Plan verläuft: Es wird Jahrzehnte dauern bis der Atommüll aus der Asse geholt und die Grube verfüllt ist. Zuvor muss noch ein weiterer Schacht geteuft und ein neues Zwischenlager gebaut werden. Die Kosten dafür werden auf bis zu vier Milliarden Euro geschätzt. Zu löhnen nicht von der Atomindustrie, sondern vom Steuerzahler.