Vor dem Wahrzeichen von Bobbau, dem Wasserturm, stand gestern das MZ-Mobil. (FOTO: ANDRé KEHRER)
Die Schäferstraße, die Dorfstraße und die Alte Straße von Bobbau gehören zu einer Tempo- 30-Zone. In der letztgenannten befindet sich die Kindereinrichtung, Peter Link hingegen wohnt in der Schäferstraße. Und er hat ein Problem, das zwar nicht mit der großen Stadt zu tun hat, das er aber dennoch am Donnerstag bei der Gesprächsrunde am MZ-Mobil anbringt. "Tempo 30 ist ja eigentlich sehr begrüßenswert", sagt er, "nur hält sich kaum einer daran. Manche brettern da mit hundert Sachen durch. Und kontrolliert wird nicht oder zu Zeiten, wo wenig Verkehr ist." Selbst ein Anruf seiner Frau bei der Polizei habe wenig an der Situation geändert.
Ortsbürgermeister Dieter Ullmann (CDU) kann ihn eines Besseren belehren: "Am Kindergarten werden öfter Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt", versichert er. Und wenn ihm gemeldet werde, wo sich verstärkt solche Verkehrsrowdys präsentieren, dann melde er die Kontrollen auch an.
Der Ortsbürgermeister ist nicht allein gekommen zum vierten Treffen am MZ-Mobil, bei dem die Zeitungsleute die Meinung der Bürger zum fünfjährigen Jubiläum der großen Stadt Bitterfeld-Wolfen interessiert. War die Fusion sinnvoll? Welche Vor- oder Nachteile hat sie gebracht?
Ullmann hat zwei Mitglieder aus seinem Ortschaftsrat mitgebracht. Und als Vertreter dieses Gremiums können sie wohl Auskunft geben, was sich nach dem Beitritt ihrer Ortschaft zu Bitterfeld-Wolfen verändert hat. Während die große Stadt am 1. Juli 2007 gegründet wurde, gehört Bobbau erst seit dem 1. Januar 2010 dazu.
Ob es daran liegt, dass die Diskussion dazu bei den anderen Bobbauern kein Interesse findet? Weil sich nicht so viel verändert hat für sie? "Mag sein", vermutet Hans Massny. "Selbst für mich ist dieser Zusammenschluss eine reine Verwaltungsangelegenheit." Seine Frau Rosel pflichtet ihm bei, hat noch nichts darüber gehört von anderen. Und bezüglich zentraler Verwaltung hatte Bobbau ja auch vorher schon Erfahrungen, auch wenn der Ort bis dahin noch eigenständig war. Ab 1994 gehörte er zur Verwaltungsgemeinschaft (VG) Jeßnitz-Bobbau, nach deren Auflösung ab 2005 zur Verwaltungsgemeinschaft Wolfen, die dann wiederum Bitterfeld-Wolfen wurde. Das Aufgeben der Eigenständigkeit wurde so lange hinausgezögert, wie es ging: Laut Gemeindegebietsreform durften Orte unter 10 000 Einwohnern erst ab 2010 nicht mehr selbstständig sein.
Bobbau konnte sich damals zwischen den Städten Raguhn-Jeßnitz und Bitterfeld-Wolfen entscheiden - und ging zu letzterer. Direkt unzufrieden ist man damit aber offenbar nicht. "Die Leute, die uns jetzt verwalten, sind technisch versierter als damals in der VG Jeßnitz-Bobbau", sagt Ullmann. "Aber es dauert alles zehnmal so lange", kritisiert er die langen Amtswege, wobei das "zehn" nicht als rechnerisch bewiesen anzusehen sei. Und von der so hoch gepriesenen Kosteneinsparung, die mit dieser Kommunalreform einhergehen sollte, sei auch noch nichts zu spüren. "Und genau das ist die Diskrepanz für mich: Alles dauert länger, ohne dass Gelder eingespart werden." Dieses ganze Gebilde sei so groß und dadurch unübersichtlich, worin er bestehende Probleme begründet sehe.
Stark profitiert hingegen habe man durch den Beitritt zur großen Stadt, was die Brauchtumsmittel betrifft: So viel, wie jetzt für die Vereine des Ortes und das Wasserturmfest zur Verfügung stehen, habe man als eigenständiges Dorf nicht aufbringen können.
Rund 1 700 Einwohner zählt Bobbau derzeit, zur Wende waren es noch 1 200. "Wir haben profitiert davon, dass viele aus Wolfen-Nord weg wollten, sich hier ein Häuschen genommen haben." Schließlich ist Bobbau auch ein schmucker Ort. Fast alle Straßen sind saniert - lange vor dem Beitritt zur großen Stadt ist das schon passiert. "Wir gehörten damals einem Dorferneuerungsprogramm an", sagt Ullmann. "Da wurden 60 Prozent gefördert." Andererseits wurden dafür aber Straßenausbaubeiträge für die Anlieger fällig, ohne Abstriche. Auch das schöne Bürgerhaus am Wasserturm wurde 2004 eingeweiht. Den neuen Anstrich des Turmes Jahre später wiederum haben Bürger und ortsansässige Firmen finanziert.
Was unsere Gesprächspartner generell bemängeln, ist die deutschlandweit aufgeblähte Verwaltung - und damit verbundene Gebühren, nicht zu verwechseln mit Steuern. "Ich habe meinen Hund angemeldet", erzählt Lothar Keller. "Kurze Zeit später erhielt ich von der Stadt die schriftliche Bestätigung, obwohl ich die gar nicht bestellt hatte. Aber gekostet hat sie 15 Euro. Dabei gehört doch das einfach zur Arbeit der Verwaltung." Insgesamt scheint man sich wohl zu fühlen als Randgemeinde von Wolfen, ohne zu verhehlen: "Natürlich wären wir gern weiter eigenständiges Dorf geblieben."