Durch Handschlag besiegelt: In der AG Streitschlichter lernen Schüler an der Sekundarschule Muldenstein, wie Probleme gelöst werden können. (FOTO: KEHRER)
Andere bepöbeln, mobben oder sogar schlagen - das ist an einigen Schulen Alltag. Und die Gewaltbereitschaft wächst, sagt Frank Stroka. Er ist Polizeirat, im Landkreis Anhalt-Bitterfeld unter anderem für Gewaltprävention an Schulen zuständig und fordert: "An jede Einrichtung sollte ein Sozialarbeiter und es müssen mehr Streitschlichter ausgebildet werden. Vor zehn Jahren ist dieses Projekt in Sachsen-Anhalt gestartet, aber jetzt ist es eingeschlafen." Die Sekundarschule Muldenstein sei ein gutes Beispiel, wie es laufen sollte. "Aber es sind eben noch zu wenig. Wir müssen jetzt reagieren, wenn wir das Problem in den Griff bekommen wollen."
Die Region Bitterfeld sei in einigen Bereichen "besonders betroffen", speziell die Sekundarschulen. "In den letzten Wochen kamen wieder zwei neue Fälle dazu." Damit wurden 2012 im Landkreis neun Gewaltdelikte angezeigt - im vergangenen Jahr waren es 19. Aber: Das sind nur die angezeigten Fälle. "Die Dunkelziffer ist weitaus höher", sagt Stroka. "Und jahrelange Opfer sind für uns mögliche Amokläufer. Diejenigen, die das getan haben, hatten über Jahre ungelöste Konflikte an Schule. Das kann uns jeden Tag erwischen."
Deshalb solle im Kreis ein flächendeckendes System der Mediation geschaffen werden. "An einigen Schulen gibt es Streitschlichter und das läuft auch ganz ordentlich. Aber leider hat die Idee nicht alle erreicht und einige sogar wieder verlassen. Dabei ist das der beste Weg aus der Gewalt." Denn: "Konflikte können zumindest im Ansatz friedlich bearbeitet werden."
Das sieht auch Beatrix Panwitz so. Sie hat im Jahr 2004 an der Sekundarschule Muldenstein - dort gehen rund 200 Kinder zur Schule - die AG Streitschlichter gegründet. "Zwei Schulen sind bei uns zu einer geworden, da gab es zu Beginn viele Konflikte." Insgesamt seien derzeit 14 Streitschlichter in der Einrichtung aktiv, darunter auch Schüler, die selbst gemobbt wurden. "Natürlich wurde damals nicht alles sofort besser, es hat seine Zeit gebraucht, bis die Schlichter akzeptiert wurden. Aber es war für uns die beste Entscheidung", sagt die Lehrerin. "Das Klima an der Schule hat wesentlich profitiert. Wir haben eine andere, eine friedliche Streitkultur entwickelt. Konflikte werden dauerhaft gelöst. Es wird anders miteinander umgegangen, man redet mehr, die Großen schauen nach den Kleineren." Für die Streitschlichter selbst bringe die Tätigkeit immens viel: "Die Persönlichkeit reift mit dieser Aufgabe, ihre Kommunikationsfähigkeit wird geschult. Und auch bei Bewerbungen kommt die Tätigkeit sehr gut an."
Ein Paradebeispiel, sagt Stroka, der auch an Volkshochschulen zum Thema Mediation lehrt und an vielen Schulen unterwegs war. "An Einrichtungen mit Streitschlichtern gibt es deutlich weniger Gewalt als an anderen ohne", sagt er.
Am häufigsten werde gemobbt und geschlagen. "Je höher die Klassenstufe, desto mehr geht es um verbale Angriffe bis hin zum Mobbing. Und das ist eine äußerst brutale Form der Gewalt. Meistens bekommt man das an der Schule gar nicht mit, betroffene Schüler lassen kein Opfersyndrom sichtbar werden."
Gründe für die höhere Gewaltbereitschaft gebe es viele, so Stroka: Damals war das Schulsystem autoritär, heute ist es kooperativ. Zu erheblichen Problemen würden vor allem in größere Klassen aber auch die EU-Vorgabe der Inklusion führen. Dies bedeutet, dass sich Regelschulen für Förderschüler öffnen sollen, um die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben zu gewährleisten. "Schwächere Schüler leiden beispielsweise unter größeren Verbünden, weil sie nicht ausreichend gefördert werden können. Das führt zu Spannungen. So genannten Problemkinder werden an den Sekundarschulen zunehmen, dort sind meistens mehr als 20 Kinder in einer Klasse."
Aber heute sei auch die Familie mit mehr Fragezeichen versehen. "Wo Eltern nicht mehr mit Kindern reden, es kein gemeinsames Essen gibt, da wird auch nicht viel Sozialverhalten vermittelt." Oft werde die Verantwortung an Lehrer abgegeben, die aber selbst unter anderem durch eben größere Klasse überlastet sind, was sich wiederum auf das Unterrichts-Klima auswirkt. Ein Teufelskreis.
Der Sparzwang erleichtere die derzeitige Situation nicht: "60 von 505 Grundschulen in Sachsen-Anhalt werden geschlossen, die bestehenden werden größer." Es sei dringend Geld für präventive Maßnahmen notwendig, zudem Fortbildungsprogramme für Lehrer. "Sie sollten auch mehr hinterher sein, dass Streitschlichter ausgebildet werden."
Strokas Vision: ein Netzwerk, in dem unter anderem Schulmediatoren, Sozialarbeizer, Lehrer, Eltern, Polizei und Entscheidungsträger des Landkreises Mitglied sind. "Initiativen sollen zusammengeführt werden, sich regelmäßig treffen und eine Plattform bilden." Die Polizei will dabei unterstützend wirken. "Wir kooperieren auch mit dem Kultusministerium, das seine Unterstützung bereits zugesagt hat."