Anhalt-Bitterfeld: Idylle neben der Industrie

04.05.2012 17:59 Uhr | Aktualisiert 04.05.2012 21:22 Uhr
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Ursula Borstorff

Ursula Borstorff blättert in den Heimzeitungen, die im Kindererholungsheim in Zöckeritz ab 1948 entstanden sind. (FOTO: ANDRé KEHRER)

Von silke ungefroren
Ursula Borstorff leitete wenige Jahre nach dem Krieg das Kindererholungsheim in Zöckeritz. Dann fiel der Ort den Kohlebaggern zum Opfer.
raguhn/MZ. 

Anfang zwanzig war sie damals und gerade vom Studium gekommen. Aus Greppin stammend, hatte sie in Leipzig die Ausbildung zur Jugendleiterin und Lehrerin absolviert. Der Zufall wollte es, dass ihr erster Arbeitsplatz Ursula Borstorff an jenen Ort führte, von dem sie und viele andere damals schwärmten: nach Zöckeritz.

Unmittelbar im Goitzschewald gelegen, wanderten seinerzeit nicht nur die Bitterfelder an Wochenenden und Feiertagen dort hin. Auch aus den umliegenden Orten kamen die Leute, um bei Musik und Tanz, Essen und Trinken die Zeit in der Natur zu genießen.

"Eine Wassermühle gab es und eine Försterei und ein Gasthaus", erzählt die heute 86-Jährige, die seit fast 50 Jahren in Raguhn zu Hause ist. Auch von der reichen Vogel- und Pflanzenwelt auf dem Weg nach Zöckeritz berichtet die Frau. Oft sei der scheue Eisvogel aufgetaucht, und ohne Blumenstrauß sei selten eine Familie vom Ausflug nach Hause gegangen.

"Zum Gasthaus gehörte ein großer schattiger Garten, drinnen gab es einen großen Saal für festliche Veranstaltungen. Auf dem Spielplatz vergnügten sich die Kinder, während die Erwachsenen Kaffee und Kuchen genossen."

Eine einzige Idylle also - bis die Bagger kamen. Auch Zöckeritz gehörte zu den Orten in der Region, die der Braunkohle weichen mussten. 1954 wurde er abgebrochen. Für Ursula Borstorff sind die Erinnerungen daran noch allgegenwärtig - vor allem dann, wenn sie in alten Unterlagen blättert. In Aufzeichnungen aus der Zeit ihrer anfangs erwähnten beruflichen Tätigkeit in Zöckeritz. Und das kam so:

1948 kamen die ersten Kinder

Anfang 1948 fasste die Stadt Bitterfeld den Beschluss, ein Kindererholungsheim einzurichten. Die Wahl fiel auf Zöckeritz, wo auf dem Gelände der Försterei 1935 ein neues Gebäude errichtet worden war. Während des Krieges war dort eine Forstschule untergebracht, später ein Lazarett. Dann stand es leer. Ursula Borstorff hatte von dem Vorhaben gehört, bewarb sich als Jugendleiterin - und empfing mit zwei weiteren Mitarbeitern und einem Hausmeisterehepaar am 2. Juli 1948 die ersten 20 erholungsbedürftigen Kinder im Heim.

Schon kurze Zeit später wurde sie dessen Leiterin. Und fortan gaben sich hier jeweils nach vier Wochen andere Kinder die Klinke in die Hand - abwechselnd Mädchen und Jungen und oft 40 an der Zahl - , nur wenige Kilometer von der Industrie entfernt, von der hier nichts zu hören und riechen war.

Ihre Augen strahlen, wenn Ursula Borstorff von dieser Zeit erzählt. Dass es kaum Spielzeug gab, störte nicht. Bei den Streifzügen durch die Natur wurde vieles andere gefunden. "Daraus ließen sich wunderbare Dinge basteln", weiß sie. "Und die Phantasie brachte manchmal wahre Kunstwerke zustande." Gesammelte Beeren indes sorgten für leckeren Nachtisch und nötige Vitamine. Langeweile kam nicht auf, und nach dem Mittagessen wurde sogar draußen geschlafen.

Ideen, die gleich am Anfang entstanden waren, wurden Tradition: Nicht nur ein zünftiges Abschlussfest wurde in jedem Durchgang gefeiert, auch eine "Heimzeitung" herausgegeben. "Wir waren den ganzen Tag mit den Kindern zusammen, haben gebastelt, gespielt, mit ihnen gegessen. Uns fiel immer etwas ein, so dass wir viel gemeinsam erlebten", sagt sie. "Und wenn sie abends schliefen, machten wir uns an die Zeitung. Bürokram gab es zum Glück nicht." Für jedes Kind wurden typische Sprüche verfasst, Erlebnisse aufgeschrieben, Programme verewigt.

Heimzeitungen aufbewahrt

Als Chefredakteur fungierte "Frohes Gesindel", als Verantwortlicher hatte sich "noch keiner gefunden", dessen Stellvertreter war "Übermut", und als Einzelpreis war "unverkäuflich" formuliert - so steht es im "Impressum". Ursula Borstorff hat die Zeitungen nicht nur selbst geschrieben, sondern bis heute aufbewahrt. Und sie sind erstaunlich gut erhalten angesichts des minderwertigen Papiers, das damals nur vorhanden war. Ebenso wie die Wiegelisten übrigens, deren Angaben von der guten Verpflegung im Heim zeugen.

Später Landschulheim

1951 wurde das Haus zum Landschulheim, weil im thüringischen Tabarz mittlerweile ein neues städtisches Erholungsheim entstanden war. Und so erholten sich in Zöckeritz nun die 5. Klassen der Bitterfelder Schulen, wozu auch vormittäglicher Unterricht gehörte.

Ursula Borstorff verließ das Haus ein Jahr später, auch die anderen Angestellten blieben nicht länger, neues Personal kam. "Die Bagger kreischten schon Tag und Nacht, das wollten wir uns nicht anhören", begründet sie diese Entscheidung. Das unweigerlich nahende Ende wollten sie einfach nicht vor Ort erleben. 1954 wurde das Heim geschlossen, der Abriss begann.

"Zöckeritz ist Geschichte." Heute erinnert ein Gedenkstein an dieses schöne Fleckchen Heimat, und nur den älteren Leuten wird es noch ein geläufiger Begriff sein.