Anhalt-Bitterfeld: Nach dem Chaos

10.05.2012 19:43 Uhr | Aktualisiert 10.05.2012 20:32 Uhr
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Herbert John

Herbert John (FOTO: MZ)

Nach heftigem Streit mit dem Ex-Vorstand, will der Förderverein das Buchdorf Mühlbeck-Friedersdorf neu aufstellen. Der Zeitpunkt ist passend - in diesem Jahr wird es 15 Jahre alt. MZ-Redakteurin Lisa Garn sprach mit dem Vereinsvorsitzenden Herbert John über chaotische Zustände, Neuanfang, Mut und den Antiquar als Kauz.
Mühlbeck/Friedersdorf/MZ. 

15 Jahre Buchdorf - was hat's gebracht?

John: Es ist so, dass das Buchdorf eher überregional bekannt ist. Die meisten Kunden sind Touristen, die wenigsten kommen aus der Umgebung. Manche Leute sind ja ganz überrascht, dass es uns überhaupt und vor allem hier gibt. Wir sind also noch kein richtiger Anziehungspunkt für Mitteldeutschland.

Woran liegt das?

John: Die öffentlichkeitswirksame Werbung wurde versäumt. Das beginnt schon damit, dass es kein Hinweisschild zu uns gibt und das eine im Ort ist dann auch noch schlecht zu erkennen. Wir müssen unbedingt hier in der Region mehr auf uns aufmerksam machen.

Nun spielt die Initiatorin des Ganzen und Ex-Vorsitzende, Heidemarie Dehne, im Verein gar keine Rolle mehr. Nach heftigem Streit hat der Vorstand sie nun sogar ausgeschlossen. Warum so drastisch?

John: Weil es irgendwo eine Grenze gibt. Da geht es zum einen um eine verfehlte Vereinspolitik, die nicht im Sinne des Buchdorfs stand, ihm sogar geschadet hat und zum anderen wiederholtes Handeln zum Nachteil für das Vereinsvermögen. Wenn wir hier keinen klaren Strich ziehen und uns - wie nun geschehen - klar von der Vergangenheit und Gegenwart der Dehne-Erlebniswelt distanzieren, wird es schwer für einen Neuanfang. Seit April ruht Frau Dehnes Mitgliedschaft, im Moment läuft die Einspruchsfrist. Wir müssen nach vorn schauen und die Vergangenheit auch ruhen lassen.

Dennoch: Was ist da konkret passiert?

John: Es gab Unregelmäßigkeiten bei den Vereinsfinanzen, die Buchführung war katastrophal. Und andere vorhandene Unterlagen sind unvollständig.

Und es gibt gerichtliche Auseinandersetzungen. Mit welchem Ergebnis?

John: Frau Dehne wurde verurteilt, an uns 750 Euro für das Jahr 2010 zurück zu zahlen. Das Urteil ist rechtskräftig. Ein zweites Verfahren läuft wegen Urheberrechtsverletzung, da sie mit einem Flyer, der dem des Vereins zum Verwechseln ähnlich sieht, für sich und ihre Unternehmungen unter der Überschrift Buchdorf wirbt. Das geht einfach nicht.

Der Verein hatte zum Vorstandswechsel 2011 insgesamt 3 500 Euro Schulden. Wie steht er heute da?

John: Das Geschäftsjahr 2010 wurde mit Schulden abgeschlossen. Was die Jahre zuvor angeht, sind wir noch nicht richtig im Bilde, es steht auch ein Minus im fünfstelligen Bereich im Raum. Eigentlich hätte der Verein bereits 2007 Insolvenz anmelden müssen. Nun ist es so: Wir sind im Plus, das ist doch schon mal was.

Wie wollen Sie sich denn aufstellen, damit nun vieles anders wird?

John: Zunächst richten wir die Werbung völlig anders aus. Das neue Buchdorf-Faltblatt ist übersichtlicher, die Ausschilderung wird erneuert und wir bemühen uns auch um Autobahnhinweisschilder für Deutschlands erstes Buchdorf. Zudem sind wir nun in Tourismusverbänden Mitglied, die die Region betreffen. Auch im Projekt "Straße der deutschen Sprache", die von Bautzen bis Weimar reichen soll, werden wir vertreten sein. Und es gibt eine neue Internetseite.

Und - gut genutzt?

John: Die Anfragen häufen sich. Es wenden sich Menschen aus ganz Deutschland und Österreich an uns. Die meisten suchen DAS eine Buch. Inzwischen setzen die Händler etwa ein Drittel der Bücher über das Internet ab.

Gibt es da auch verrückte Anfragen?

John: Eine ältere Dame suchte ein Buch aus Kindertagen, sie erzählte etwas von einem Pilzmännlein, das sich mit einem Igel unterhält. Das war dann schwierig. Aber ich hatte auch mal einen Kunden im Laden, der hinten bei den Büchern laut aufschrie, weil er genau Band 11 vom Brockhaus gefunden hatte. Der fehlte ihm noch.

Machen all die Neuerungen Sinn? Vor zehn Jahren gab es 15 Antiquariate, jetzt 9 - es scheint sich insgesamt nicht zu lohnen.

John: Es waren persönliche Gründe, die einige zum Aufhören bewegt haben. Die wenigsten haben aus rein wirtschaftlichen Gründen das Handtuch geworfen.

Aber lohnt sich das Geschäft finanziell?

John: Wenn man es schlau anstellt, kann man auch davon leben. Die meisten hier sind hauptberufliche Antiquare. 

Andererseits: Einige Läden wirken etwas unsortiert. Das macht es Kunden schwer, etwas zu finden.

John: Wenn alle alles ins Regal stellen, besteht die Gefahr des Verramschens und man ist schlecht auskunftsfähig. Das ist wenig kundenfreundlich. Wer nur mal gucken kommen will, ist meist erschlagen. Und wer etwas bestimmtes sucht, sich aber erst durch alle Läden wühlen muss, geht wieder. Die Antiquariate müssen sich auf Themen spezialisieren.

Das wäre ein neues Konzept - die Händler müssten sich umstellen.

John: Nicht völlig neu, nur dem ursprünglichen Buchdorf-Gedanken entsprechend. Wir haben 400 000 Bücher - nur wenn man spezielle Bereiche hat, in denen man gut ist, kommen mehr Leute. Wir haben beispielsweise in Deutschland nur eine Handvoll Luftfahrtantiquariate. Einige Händler geben ja mittlerweile Bücher untereinander ab und tauschen. Es wird also langsam.

Meinen Sie, dass es der Verein schafft, das Buchdorf wiederzubeleben?

John: Buchhändler und Förderverein ziehen wieder an einem Strang, es kocht nicht mehr jeder sein eigenes Süppchen - das ist ein gutes Zeichen. Der Verein hat 2011 acht neue Mitglieder gewonnen und wir hoffen, zum Jubiläum zehn Händler zu haben. Dann schöpfen alle auch wieder Mut.

Warum braucht man heute überhaupt noch Bücher - vor allem alte?

John: Ein Buch in die Hand zu nehmen, zu blättern und das Wissen von damals in sich aufzunehmen - dieses Erlebnis kann kein modernes Medium ersetzen. Für mich ersteht da eine alte Zeit auf, wenn man beispielsweise Reisebeschreibungen aus dem 17. Jahrhundert liest, ich genieße die bildhafte Sprache.

Sind Antiquare eigentlich ein bisschen kauzig?

John: Der Buchdorf-Erfinder Richard Booth war sicher verschroben. Und vielleicht sind Antiquare eine eigene Spezies, weil man sich zu diesem Beruf berufen fühlen muss. Schnell reich wird man jedenfalls nicht. Man muss eine gewisse innere Einstellung haben, fasziniert sein. Ich lese die Bücher auch erstmal, bevor ich sie ins Regal stelle. Es ist ein guter Beruf für den Lebensabend, das sage ich auch meiner Frau immer wieder.