Als die kleinen Orte im Osternienburger Land oder Südlichen Anhalt eiligst und eifrigst bemüht waren, sich zur Stärkung ihrer eigenen Identität ja noch ein Wappen zuzulegen, bevor größere kommunale Strukturen dies womöglich nicht mehr zuließen, da blickte man aus Aken an der Elbe entspannt auf die Szenerie. "Wir haben kein Wappen - und wir brauchen keins."
Sagt einer, der es wissen muss. Hansjochen Müller, seit 1990 Bürgermeister, ist fest davon überzeugt, dass die Einwohner dieser Stadt selbst jetzt, wo man groß den 850. Geburtstag derselben feiert, daran nichts ändern wollen. Ein Wappen ist hier an der Elbe tabu.
Aber warum bloß? Der Sozialdemokrat zuckt mit den Schultern, lächelt und kehrt den gestandenen Verwaltungsmenschen hervor. Es stünde in der Hauptsatzung, dass Aken kein Wappen führe. Warum also darüber diskutieren?
Weil das eben nicht immer so gewesen ist. Müller kennt seine Stadt und weiß das. Um 1900 hat es mal ein Wappen gegeben. Mit dem abgeschlagenen Haupt des Heiligen Mauritius und mit den Stadttürmen. Zu DDR-Zeiten übrigens auch. Wer das entwickelt hat und warum, bleibt rätselhaft.
Viel wichtiger aber als das Wappen waren in Aken schon immer Fahne und Siegel. Anfang der 90er Jahre wurde Müller ins Regierungspräsidium nach Dessau einbestellt und sollte den dort beschäftigten Juristen Genehmigungen vorlegen. Müller hatte natürlich keine. Woher auch. Er wusste, denn das hatte er genau recherchiert, es gab dazu nie irgendeinen Beschluss. Dafür pochte Aken stets auf die Tradition. Übrigens auch gegenüber dem damaligen Regierungspräsidenten, der zu einem besonderen Anlass - Müller vermag nicht mehr zu sagen, welcher das gewesen ist - nach Aken gekommen war. Unaufgefordert, den Disput mit der Behörde vermutlich im Hinterkopf, erklärte Müller, dass man eine Fahne hissen werde, für die es keine Genehmigung gibt. Und sollte er, der Gast, das zu verhindern versuchen, würde er, Müller, die Medien einschalten. Er hätte es darauf ankommen lassen, gesteht er.
Er blieb in der Auseinandersetzung mit dem Regierungspräsidium standhaft. Er wollte die Fahne eigenhändig dorthin schaffen, um eine Stoffprobe nehmen zu lasen. Er wollte zeigen: Es geht hier um Traditionen; diese Fahne führt Aken nicht erst seit gestern, sondern seit Jahrzehnten. Es ging ihm - nur - ums Prinzip.
Doch es kam nie dazu. Keiner wollte eine Stoffprobe. Müller bekam stattdessen einen Vierzeiler mit Stempel. Eine offizielle Genehmigung. Heute lacht er über diesen Zirkus.
Dass die Heraldiker des Landes regelmäßig im Rathaus vorsprechen, um ihm ein Wappen schmackhaft zu machen, nimmt er zur Kenntnis. Er erteilt ihnen genauso regelmäßig eine Abfuhr. "Wir wollen das nicht." Nicht gestern, nicht heute und morgen vermutlich auch nicht. "Unsere Bürger", unterstreicht das Stadtoberhaupt, "identifizieren sich mit der Fahne." Da ist er sich sicher.
Zum historischen Festumzug wird die Fahne der Stadt natürlich mit Stolz präsentiert. An sich etwas Besonderes. Aber für Aken und seine Bürger eben nichts, über das es viel zu sagen gäbe. Die Wappenfrage ist mit der Existenz der Fahne beantwortet. Nichts ändert daran etwas. Auch nicht, dass man damit ziemlich allein auf weiter Flur ist. Es gibt nur ganz wenige Kommunen, die auf ein Wappen verzichten. Aken tut das - und vermisst gar nichts.