Artenschutz: Schwalben-Offensive

29.05.2012 20:51 Uhr | Aktualisiert 29.05.2012 21:50 Uhr
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Familie Rose

Die Plakette und die Nester bescheinigen: Familie Rose ist schwalbenfreundlich. (FOTO: HEIKO REBSCH)

Von Sylke Hermann
Bei der Kührener Familie Rose sind flinke Flugkünstler herzlich willkommen. Der Nabu Sachsen-Anhalt sucht und kürt in diesem Jahr zum ersten Mal überall im Land schwalben-freundliche Häuser und ihre Besitzer.
kühren/köthen/MZ. 

Elli Rose nennt die flinken Flugkünstler schelmisch grinsend "unsere Kleckerschwalben". Und die alte Dame steht zu dem, was sie sagt. Trotzdem habe sie die Tierchen gern und freut sich auf sie, denn "dann wird Sommer".

Demnach ist Sommer. Die Schwalben fühlen sich schon eine Weile auf Roses Hof in Kühren wie zu Hause. Rund 15 Nester verstecken sich im Gehöft. Im Gebälk. An der Fassade. Über Türrahmen und Fenstern. Wirklich gezählt hat die Familie sie nicht. "Schwalben", findet Lieselotte Rose, "haben immer viel zu erzählen von ihren Reisen durch die Lande. Es belebt einfach, wenn sie ihr Liedchen trällern."

Hier in Kühren tun sie das besonders gern, "weil die Bedingungen stimmen", vermutet Alexa Sabarth von der Köthener Ortsgruppe des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Und aus diesem Grund wurde Familie Rose jetzt ganz offiziell als schwalbenfreundlich eingestuft. Als eine der ersten.

Der Nabu Sachsen-Anhalt sucht und kürt in diesem Jahr zum ersten Mal überall im Land schwalben-freundliche Häuser und ihre Besitzer. Wer Schwalben toleriert oder aber ihnen das Nisten noch erleichtert, kann sich um die offizielle wetterfeste Plakette bewerben. Oder von Dritten vorgeschlagen werden. Die Plakette, so der Wunsch der Naturschützer, sollte dann für jedermann gut sichtbar an der Hauswand angebracht werden. Wie bei Roses in Kühren.

Warum der Nabu derart in die Schwalben-Offensive geht, liege einfach daran, erzählt Sabarth, "dass es immer weniger Schwalben gibt". An modernen Fassaden fänden sie immer weniger Halt, würden vielfach durch flatternde Bänder am Nisten gehindert. Andere spannten Drähte, um ihr Hab und Gut vor den "Kleckerschwalben" zu schützen. "Die Menschen wollen nicht, dass ihre Fassade verunreinigt wird", bringt es Sabarth auf den Punkt.

Dabei fällt es den Tieren immer schwerer, geeignete Plätze zum Nisten zu finden. Früher fühlten sie sich in Viehställen wohl, die durch die vielen Öffnungen leicht zugänglich gewesen sind. Heutzutage sind nicht selten alle Luken dicht, die Türen verschlossen. Und außerdem fehlt ihnen, wie Ingolf Todte vom Ornithologischen Verein Aken weiß, immer häufiger die Nahrungsgrundlage.

"Rinderhaltung war für Schwalben ideal, weil es hier genügend Insekten gab." Entschieden mehr als bei Pferden zum Beispiel. Dass der Anteil an Grünland spürbar zurück gegangen ist, ergänzt Uwe Müller, der Vorsitzende der Akener Ornithologen, käme zu allem Überfluss noch hinzu.

In den vergangenen 100 Jahren, wissen die Fachleute, ist die Zahl der Schwalben in Europa etwa um die Hälfte zurückgegangen. In Mennewitz, wie Kühren ein Ortsteil von Aken, haben die Ornithologen sporadisch Rauch- und Mehlschwalben gezählt. 2009 / 10 war das. Sie haben einfach bei den Leuten geklingelt und gefragt und geguckt. Zum Vergleich dienten Erhebungen, die in den Jahren 1962 bis 64 angestellt worden waren. Danach ist der Bestand an Rauchschwalben um 68 Prozent zurück gegangen; bei den Mehlschwalben waren es immerhin noch 40. Ornithologen und Naturschützer wissen, die Schwalben haben es nicht leicht - in vielerlei Hinsicht.

Lieselotte Rose will auch künftig etwas tun, damit es ihren tüchtigen Weltenbummlern gut geht. Nach dem Regen, erzählt sie, beobachtet sie jedes Mal, wie die Tierchen emsig ihre Nester bauen. Vollkommen normal, wissen Todte und Müller. Schließlich bräuchten sie dafür Lehm. Und aus diesem Grund bekommen Roses "Kleckerschwalben" jetzt auf dem Gehöft ihre persönliche Lehmbaustelle, vielleicht in einer alten Blechwanne oder irgendeinem anderen Gefäß. Denn 15 Nester sind der schwalbenfreundlichen Familie noch nicht genug. Es könnten ruhig noch ein paar mehr sein...