Lachse gelten als sprunggewaltig - können allerdings auch nicht jedes Hindernis überwinden. (FOTO: ARCHIV)
Er war 66 Zentimeter lang, 2 158 Gramm schwer. Und er sorgte Ende vergangenen Jahres für Jubel in Zerbst (Anhalt-Bitterfeld) - der erste Rückkehrer. Ein Fisch, "der Geschichte schreibt", wie es euphorisch hieß. 2009 hatten Angler in die Nuthe erstmals junge Lachse eingesetzt, die sich - so liegt es in der Natur des edlen Fisches - auf den Weg in den Atlantik machen, um erwachsen und vollgefressen zum Laichen wieder die Gewässer ihrer Kindheit aufzusuchen. "In diesem Jahr", so Gewässerwart Olaf Saar, "erwarten wir noch mehr Rückkehrer". Deren Vorteil: Sie kommen nicht über die Mulde, müssen nicht das Muldewehr Dessau passieren. An ihm, direkt am Eingangstor zum Muldesystem, scheitert seit Jahren ein mit viel Aufwand betriebenes Wiederansiedlungsprogramm.
Dabei gilt die Mulde für Lachse als Juwel. Gut 180 Kilometer von Zerbst entfernt kann Uwe Bochmann vom Anglerverband Südsachsen aber nur von der Rückkehr der Raubfische träumen, obwohl in die Chemnitz, einen Nebenfluss der Zwickauer Mulde, schon seit 2004 jährlich zwischen 20 000 und 100 000 Lachsbrütlinge eingesetzt werden. Der Lachs, in der Mulde seit 1880 ausgestorben, soll wieder heimisch werden. Nur: "Bei uns ist bis jetzt noch keiner angekommen", klagt Bochmann frustriert.
Wenn Athleten scheitern
"Lachse sind Athletiker, die Zehnkämpfer unter den Fischen", sagt Thomas von der Heide, der sich im Mitteldeutschen Wanderfischverein für deren Rückkehr engagiert. Aber selbst den Athleten ist das Dessauer Wehr zu hoch, um es ohne Hilfe überspringen zu können. Seit 2006 die ersten Tiere zurückkamen, beobachten Naturschützer dort immer wieder kläglich scheiternde Versuche der ohnehin nach ihrem weiten Weg vom Atlantik geschwächten Fische. Einige setzen zum Notlaichen an, andere versuchen umzukehren oder sterben.
Ein paar Kilometer weiter am Muldestausee bei Bitterfeld ist ein 4,9 Millionen Euro teurer Fischauf- und -abstieg nach einiger Verzögerung inzwischen in Betrieb. Auch andere Querbauwerke sind durchlässig. Nur bekommen die Lachse die erst gar nicht zu Gesicht. Dabei liegen die Pläne für einen Fischaufstieg in Dessau seit Jahren in den Schubladen des Landes. "Dennoch ist immer noch alles beim alten", so von der Heide. "Die Kunst besteht für uns nun darin, nicht frustriert zu sein, sondern sich über kleine Dinge zu freuen." Und sei es ein einzelner Lachs in Zerbst.
Pläne für ein Wasserkraftwerk sind es, die seit Jahren einen Fischaufstieg am Dessauer Stadtwehr verzögern. Als zwei private Betreiber bauen wollten, hoffte der Landesbetrieb für Hochwasserschutz, sich selbst die Ausgabe von 1,6 Millionen Euro sparen zu können. Ein Investor wäre verpflichtet, den Aufstieg auf seine eigenen Kosten zu errichten. Dann aber zogen sich die Privaten wegen zu strenger Auflagen - das Kraftwerk sollte ökologisch sein, das Wehr zudem einen ästhetischen Anblick bieten - zurück. Und die mittlerweile gereiften Pläne der landeseigenen Talsperren-Wasserkraft GmbH, selbst ein Kraftwerk zu errichten, erhielten einen Dämpfer. Laut einer Studie wäre es nicht wirtschaftlich zu betreiben. "Es soll jetzt noch einmal Gespräche mit den Stadtwerken geben", sagt Burkhard Henning, Geschäftsführer des Landesbetriebs für Hochwasserschutz. Wird dabei kein Weg gefunden, über eine andere Stromvermarktung doch noch wirtschaftlich zu planen, soll der Fischaufstieg ohne Kraftwerk kommen. Wann die Entscheidung fällt? "Im September muss das durch sein", so Henning. Allerdings: Ein Sachse würde nun wohl dort gern ein Kraftwerk bauen. Die Zeit indes drängt. Bis 2015, verlangt eine EU-Richtlinie, sollen Fische die einst mit der Industrialisierung verschmutzten und verbauten Flüsse in jede Richtung passieren können.
Der Lachs ist kein Eisbär
Thomas von der Heide kann es kaum erwarten - und zügelt seine Hoffnungen doch. Er weiß zudem, dass es schwer ist, in der Öffentlichkeit Emotionen für den Lachs und seine Artgenossen wie Stör oder Flussneunauge zu wecken. "Ein kleiner Eisbär dagegen hat die ganze Nation ausflippen lassen." Dennoch wird er nicht müde zu sagen, wie wichtig der Lachs als Bioindikator für gesunde Flüsse, wie gut er für die Artenvielfalt ist. Und als Jodträger obendrein gesund für Menschen - auch wenn das Lachs-Angeln in Sachsen-Anhalt zum Schutz der Ansiedlungsprogramme noch verboten ist.
In Sachsen, 120 Kilometer von Dessau entfernt, gibt es laut von der Heide noch ein Sorgenkind am Wehr Trebsen. Dennoch: "Tausende Angler schauen nach Dessau." Auf ein Problem, das die Chemnitzer sogar grübeln lässt, ob sie im Herbst die Fische vor dem Wehr abfangen und nach Chemnitz fahren. Ein vorläufiger Stopp ihres Programms ist keine Option. Mit einem Neustart würde man noch mehr Jahre verlieren, heißt es.