Aschersleben: Puppen kontra Videospiel

03.05.2012 20:07 Uhr | Aktualisiert 03.05.2012 20:55 Uhr
Drucken per Mail
Puppen mit viel Ausdruck.

Puppen mit viel Ausdruck. (FOTO: FRANK GEHRMANN)

Von Wencke-Marie Busch
Seit Donnerstag gastiert das "Märchenland" auf der Herrenbreite. Das Theater ist seit über dreihundert Jahren in Besitz der Familie Woitschack.
Aschersleben/MZ. 

"Es wird immer schwerer, Kinder für das Puppenspiel zu begeistern", so Antonie Woitschack vom Marionettentheater Märchenland, das seit Donnerstag auf der Herrenbreite in Aschersleben Station macht. Heutzutage seien wohl eher Videospiele für die Kleinen das Größte. Doch das war nicht immer so. Aus Erzählungen ihrer Großmutter weiß die Chefin des Familienunternehmens, dass das Puppentheater zu deren Zeit groß gefeiert wurde.

Laut Antonie Woitschack ist das Theater seit über dreihundert Jahren in Familienbesitz. Die Puppen sind der größte Schatz der Familie, darunter eine, welche schon einhundert Jahre alt sei. Allerdings: "Die Alten haben oft ein zu kantiges Gesicht", sagt sie. "Ewig können wir sie leider nicht behalten." Zum Familienunternehmen gehört nicht nur sie, sondern auch ihr Mann Renardo, deren Kinder Vendolin, Manuela und Anna-Carina, vielen bekannt aus "Deutschland sucht den Superstar".

Alle fünf Spieler leben von klein auf im Theater. Vieles ist längst Gewohnheit, doch selbst Mutter Antonie klagt noch über Muskelkater, welcher ihr nach jeder Vorstellung noch lange im Nacken sitzt. "Es ist auch noch nach 40 Jahren sehr anstrengend. Die Puppen sind immerhin zwischen zwölf und dreizehn Pfund schwer", erzählt die Puppenspielerin. "Es ist nicht ganz einfach, mit ausgestrecktem Arm jeweils eine Marionette zu bewegen." Die ein Meter großen Hohnsteiner Marionetten aus Pappelholz sind besonders wertvoll. "Eine Marionette kann zwischen eintausend und dreitausend Euro kosten", erklärt Antonie Woitschack. Und davon besitzt die Familie ungefähr einhundert Stück. Denn jede Puppe braucht auch eine Zweitbesetzung. Nur der Kasper ist einmalig und außerdem der Liebling der Woitschacks und natürlich der Besucher. "Einmal", erinnert sich die Chefin, "riss der Kopf einer unserer Marionetten ab und baumelte einzeln an einem Faden. Doch die Kinder dachten, das gehöre zum Stück und lachten aus tiefstem Herzen." Um solche Fälle kümmert sich die Familie selbst. Unter anderem schneidern die Woitschacks die Kleider der Puppen und fertigen das Bühnenbild für die Show.

Das Marionettentheater Märchenland ist in Aschersleben bereits gut bekannt, denn es ist schon zum 20. Mal hier. Antonie Woitschack erklärt, dass sie im Winter meist Vorstellungen in Kindergärten, Grundschulen oder Altenheimen geben. "Das Theater soll Leute von zwei bis 80 Jahren ansprechen", sagt sie. Gespielt werden Märchen der Gebrüder Grimm, wobei vor allem der Räuber Hotzenplotz und Hänsel und Gretel sehr beliebt sind. Jedoch werden die grausamen Szenen, wie man sie aus manchen Märchen kennt, überarbeitet oder weggelassen. "Bei uns sind alle lieb", beteuert die Marionettenspielerin. Sie genießt das Leben im Theater. In der kalten Jahreszeit, sagt sie, wohnt sie mit ihrer Familie in einem Haus in ihrer Heimatstadt Stendal. "Aber sobald die Sonne scheint, juckt es uns allen in den Fingern und wir wollen raus." Doch das Theaterleben ist nicht immer unbeschwert. "Das Geld ist knapp", muss Antonie zugeben. "Strom, Wasser, Miete und Futter für Tauben und Kaninchen. Da kommt schon eine Menge zusammen." Viel Eintritt verlangen sie dennoch nicht. "Das Lachen der Kinder ist uns der größte Lohn." Manchmal mache es sie traurig, wenn Eltern meinen, ihre fünfjährigen Kinder seien zu alt für Marionettentheater. Dass der wöchentliche Schulwechsel für ihre eigenen Kinder nicht gut ist, ist der dreifachen Mutter bewusst. Aber: "Meine Kinder bekommen ihre Schulaufgaben per Internet geschickt und können so auf dem neusten Stand der Dinge bleiben." Trotzdem fängt der Tag der Woitschacks schon 5 Uhr an. Tagsüber verteilen sie oft bis zu 30 000 Handzettel, damit möglichst 200 Sitzplätze im Zelt besetzt werden.

Seit ihrem Auftritt bei der bekannten Castingshow lockt vor allem Anna-Carina die Kinder und Jugendlichen an. So sagt auch Antonie: "Es ist toll, wenn manche Jugendlichen zum ersten Mal bei uns im Marionettentheater waren und wir sie mit unserem Spiel begeistern konnten."