Basketball: Tamara Tatham - Eine Frau hebt ab

Uhr | Aktualisiert 27.04.2012 23:20 Uhr
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(FOTO: LÖFFLER)

Tamara Tatham ist Leistungsträgerin und Superstar der SV Halle Lions. (FOTO: LÖFFLER)

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Halles Frauen kämpfen um den Titel Deutscher Meister - auch dank Superstar Tamara Tatham. Sollte dies gelingen, wäre es in Deutschland eine der größten Sensationen des bisherigen Sportjahres.
Halle (Saale)/MZ. 

Tamara Tatham hat ein altes gräuliches Schlabber-T-Shirt rausgekramt. Im Training leistet es als Schweißbremse perfekt seinen Dienst. "Deutsche Basketball-Meisterschaft 2009 - 4. Platz" steht auf dem Rücken. Es ist ein schönes Relikt, eine Erinnerung an ihr erstes Jahr in Deutschland, beim Sportverein in Halle. "Rang vier, das war schon ordentlich damals", sagt die Kanadierin leise. Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen. Jetzt allerdings gibt es bald neue T-Shirts. Eine 2 als Aufdruck für den Vize-Titel haben die Lions, wie sich das Team nennt, sicher. Doch sie möchten sich unbedingt den Schriftzug "Champion" erobern.

Es wäre in Deutschland eine der größten Sensationen des bisherigen Sportjahres. Halle hat sich vom letzten Tabellenplatz berappelt, ist als Siebter in die Playoffs eingezogen, durch die mit ungeahnter Leichtigkeit geschwebt und greift nun als erstes Team aus dem Osten der Republik überhaupt nach dem Meistertitel.

Und jene Geschichte nach Hollywood-Drehbuch hat wie jede vom gleichen Schlag ihren Star: Tatham, 1985 geboren im Sternzeichen Löwe, ist die unbestrittene Chefin des Teams. Experten sind sich einig: "T", wie sie gerufen wird, stellt alle Spielerinnen in den Schatten, die sich in der Liga tummeln. Schon die Statistiken, die in diesem so amerikanisch geprägten Sport akribisch geführt werden, beweisen das. Tamara Tatham wird am Ende der Saison die beste Punktesammlerin sein. Sie erobert die zweitmeisten abprallenden Bälle unter den Körben (Rebounds) und ist diejenige, die den Gegnerinnen am geschicktesten die Bälle abluchst (Steals). Dass sie in der Foulwertung ebenfalls unter den Top-Drei landen wird, zeigt auch nur eines: unbändigen Willen.

"Ich, ein Star?" Tamara Tatham lehnt diese Schlussfolgerung ab: "So fühle ich mich nicht. Sicherlich bin ich in unserem jungen Team eine Führungsspielerin, die Rolle nehme ich an. Aber sonst?" Dabei: Würde man ihre Leistung etwas gewagt in die Fußball-Bundesliga transferieren, stünde sie dort auf einer Stufe mit dem besten ausländischen Torjäger Klaas-Jan Huntelaar (Niederlande / Schalke) und dem wohl besten Innenverteidiger Neven Subotic (Serbien / Dortmund) - gleichzeitig. Was gäbe es um einen derartigen Universal-Supermann für eine Hysterie?

Doch Frauen-Basketball ist bisher meist nur ein Thema für Randnotizen. Da passt das graue, beinahe unauffällige T-Shirt irgendwie - zum Typ Tatham und ihrer Außenwirkung. "Ich bin eher die Ruhige", sagt sie. Tatham wirkt spröde. Doch im internen Kreis, ist sie schon eher geneigt, ihren Stellenwert herauszustellen. "Sie war eine Diva, ist eine Diva und wird eine bleiben", sagt Ex-Coach Peter Kort-mann. Auch ihr aktueller Trainer Martin Dornhoff gebraucht beim Versuch einer Charakteristik jenes Wort: "Ja, sie hat Diva." Eine Stille, die einfach weiß, was sie Großartiges kann. Ein Profi durch und durch und zweifellos sympathisch.

Als sich in Halle vor knapp zwei Jahren mal in der Mannschaft eine lebenslustige Party-Fraktion unter den Mädels gebildet hatte, saß Tatham brav daheim, wie immer und heute noch. Sie kocht ein wenig und hält per Skype Kontakt zur Familie in Brampton, einer 524 000-Einwohner-Stadt am Rande von Toronto am Ontario-See. Drei Brüder und Schwester Alisha, wie sie kanadische Basketball-Nationalspielerin, leben da. Die Eltern Roy und Pauline sowieso.

Nach Halle ist Tamara Tatham 2008 eher zufällig gekommen. "Ich habe im Internet recherchiert, Videos geschaut, Kontakt zur Agentur aufgenommen - und hatte Glück", erinnert sich ihr Ex-Trainer Kortmann. "In Kanada gibt es keine Basketball-Profiliga für Frauen. Ich aber wollte mich nach der Universitäts-Zeit weiterentwickeln und auch etwas Geld verdienen. Deutschland erschien mir nach einem Abstecher nach Finnland eine gute Wahl", sagt Tatham.

Die ersten Eindrücke waren jedoch verheerend. Im Plattenbau-Umfeld des Stadtteils Heide-Nord, einem sozialen Brennpunkt, wo sie eine Wohnung bekam, begleitete sie Angst. Einmal verfolgten sie zweilichtige Gestalten. "Ach, das war nichts", spielt sie den Vorfall herunter. Aber nach jener Saison mit Platz vier flüchtete sie zum Serienmeister Wasserburg nach Bayern, wo sie auch prompt den Titel gewann. Allerdings war sie dort nur eine beliebig austauschbare Spielerin. Kortmann gelang es, sie zurückzuholen. Sie wohnt nun in der Innenstadt. Heute sagt Tamara Tatham: "Halle ist mein zweites Zuhause."

Doch integriert? Tatham spricht nach vier Jahren im Land nur wenige Brocken deutsch. An der Stadt liebt sie "das alte Zentrum", Konzerte sind nichts für sie und um die Häuser in Bars zieht sie schon gar nicht. "Meine Teamkolleginnen sind meine Freundinnen", sagt sie und verneint andere Kontakte. Tatham, die sich mit Kanada noch unbedingt für die Olympischen Spiele in London qualifizieren will, macht lieber ihren Job - und das möglichst perfekt. Ihre Bedingung: Die Kolleginnen haben mitzuziehen. Und ihr Ziel ist ein hohes. "Natürlich können wir den Titel holen. Unser Team hat das Zeug dazu", sagt sie mit leuchtenden Augen vor der Finalserie, die heute beim Kontrahenten in Wolfenbüttel beginnt.

Drei Siege sind nötig für den großen Coup der jungen Löwinnen von der Saale und ihrer Diva.

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