Bildung: «Der politische Wille ist erkennbar»

14.05.2012 20:09 Uhr | Aktualisiert 14.05.2012 22:43 Uhr
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Zensuren auf einem Zeugnis

Sitzen bleiben wird künftig schwieriger. Kritiker des neuen Notensystems halten dem Land deshalb vor, mit dem neuen Bewertungsmodus die Statistik schönen zu wollen. (FOTO:ARCHIV)

Von Katrin Löwe und Christian Schafmeister
Das Land will die Anforderungen für bessere Noten senken. Unter Lehrern sorgt das für Ratlosigkeit, aber auch für Ärger. Dabei hat das Kultusministerium noch viel mehr vor.
Halle (Saale)/MZ. 

Montagnachmittag, ein Unterrichtsraum in der August-Hermann-Francke-Schule in Halle. Schulleiterin Margit Dreißigacker hat gerade die alten und neuen Prozentwerte für die Benotung von Schülerleistungen an die Tafel geschrieben. Im Raum sitzen auch ein paar Acht- und Neuntklässler. Wie die Sekundarschüler es finden, dass sie künftig leichter zur besseren Note kommen? "Hätte früher kommen können", sagt eine von ihnen feixend. Physik- und Techniklehrer Volker Torgau sieht mit vielsagendem Gesichtsausdruck auf Deborah: Sie hat die Eins öfter nur haarscharf verfehlt. Richtig zum Jubeln bringt das neue Bewertungssystem sie trotzdem nicht. "Eine Eins", sagt sie leise, "sollte man sich schon verdienen".

Warten auf Informationen

Mit den Prozentzahlen können die Schüler aber nur wenig anfangen. In Klassenarbeiten gibt es Punkte - die sind für sie entscheidend. Wie viele Punkte man für welche Note braucht, hat der Lehrer errechnet. "Nur dass man ab der Hälfte eine Vier kriegt, wissen die meisten", sagt Mathelehrerin Marina Schmidt. Sinn oder Unsinn der neuen Leistungsbenotung zu bewerten, dazu ist es den Lehrern an der Francke-Schule noch zu früh. "Wir kennen bis jetzt nur diese Zahlen, wissen gar nicht, was noch alles in dem Erlass des Ministeriums steht", so Schulleiterin Dreißigacker. Also listen sie - noch ohne Urteil - Punkte auf, die es in der Debatte zu bedenken gebe. Dass es "legitim wäre", die Benotung an andere Bundesländer anzupassen, wie Torgau findet. Dass Lehrer auch jetzt schon von den strengen Prozentwerten abweichen können. Dass die Zahlen nichts darüber sagen, wie schwer eine Arbeit ist. "Und für die, die immer gerade so an einer Zwei oder Drei vorbeirutschen, kann das neue System vielleicht sogar eine Motivation sein", so Schmidt.

Schulleiterin Dreißigacker erinnert auch an die jüngsten Ergebnisse einer Umfrage bei Unternehmen im Land. "Die schauen nicht mehr so sehr auf die Mathenote. Sie wollen wissen, ob ihr Auszubildender pünktlich ist, sich konzentrieren kann."

Dass die neuen Anforderungen die Sitzenbleiber- und Abbrecherquoten kaschieren sollen, werde wohl mancher glauben, heißt es unter den Lehrern. Zumal die entscheidenden Unterschiede zwischen altem und neuen System eben ab Note Vier existieren - für die braucht es bald nicht mehr 51, sondern nur noch 40 Prozent der Leistung. Dass es viele Schüler sein werden, die nur deshalb plötzlich eine Versetzungschance haben - daran glaubt man an der Francke-Schule aber noch nicht wirklich.

Genau das aber befürchtet Jürgen Mannke, Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen-Anhalt. "Dahinter ist der politische Wille erkennbar, die Schulversager-Quote zu senken", sagt der Direktor des Goethe-Gymnasiums in Weißenfels (Burgenlandkreis). "Da versucht man, Fünfen zu vermeiden, indem man das Niveau senkt."

Ein Vorwurf, den Kultus-Staatssekretär Jan Hofmann (SPD) vehement bestreitet. Daran habe er bei der Erarbeitung des neuen Entwurfs "nicht eine Sekunde gedacht". Stattdessen solle bei der Bewertung der Schüler ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen werden. Unter dem Titel "kompetenzorientiertes Lernen" werde versucht, die individuellen Stärken der Schüler stärker zu berücksichtigen und dies auch in die Bewertung einfließen zu lassen.

Wer bei der Präsentation eines Textes vor der versammelten Klasse Probleme habe, könne die Passage auch auf Band sprechen, wer besser in der Gruppe arbeite, könne auch auf diesem Wege zu guten Noten kommen, auch mit einem guten Gemälde könnten weniger gute Leistungen in anderen Bereichen ausgeglichen werden. "Wichtig ist, dass jeder Schüler die Chance hat, sich mit seinen Fähigkeiten einzubringen." Dabei gehe es nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um die Präsentation und den Weg, den die Schüler bis zum Ziel zurücklegen. "Alle drei Komponenten müssen berücksichtigt werden", sagte Hofmann. Einzig und allein auf die Note zu schauen, sei "zutiefst unzeitgemäß".

Gewichte verschieben

Ähnlich argumentiert auch Thomas Lippmann, Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Die Bewertung ist zu sehr auf die Klassenarbeit konzentriert, da müssen die Gewichte verschoben werden." Mannke können beide damit nicht überzeugen. Der schimpft über "Sonnenscheinpolitiker" und "Dilettanten im Bildungsbereich". Für ihn führe an der Wissensvermittlung kein Weg vorbei, sagt der Direktor. Erst danach machten Lernformen wie das kompetenzorientierte Lernen - wenn überhaupt - Sinn. Diese Reihenfolge habe man ihm Ministerium aber offenbar aus den Augen verloren. "Ich kann doch kein Haus bauen und das Fundament vergessen."