Prorektorin Prof. Birgit Dräger im Tropenhaus des Botanischen Gartens. (FOTO: THOMAS MEINICKE)
Die biologische Vielfalt auf unserem Planeten befindet sich im freien Fall. Die Frage, wie Ökosysteme geschützt werden können, gehört zu den großen Zukunftsthemen. Beantworten sollen diese Frage auch Wissenschaftler aus Halle. Die hiesige Uni erhielt nun, gemeinsam mit Leipzig und Jena, den Zuschlag für ein neues Zentrum für Biodiversitätsforschung. Auch darüber sprach im Tropenhaus des Botanischen Gartens MZ-Redakteur Peter Godazgar mit der Prorektorin und Biologin der Uni Halle, Prof. Birgit Dräger.
Warum haben Sie das Victoria-Haus als Ort für unser Gespräch gewählt?
Dräger: Zunächst natürlich, weil ich es sehr mag. Der quasi aktuelle Anlass ist aber auch der Gewinn beim Wettbewerb um das deutsche Biodiversitätszentrum. Da hat die Uni Halle gemeinsam mit Leipzig und Jena kürzlich den Zuschlag bekommen. Und das Thema Biodiversität wird hier im Botanischen Garten und speziell im Tropenhaus natürlich ganz besonders deutlich.
Der Botanische Garten ist eine echte Oase mitten in der Stadt.
Dräger: Ja, hier leistet sich die Stadt vier Hektar Grün und kratzt sie auch nicht an. Das ist schön. Hier herrscht eine sehr eigene Atmosphäre.
Sie wurden 1996 nach Halle berufen. Was für ein Bild hatten Sie?
Dräger: Ich war völlig unvoreingenommen. Ich kam aus Münster und hatte überhaupt keine Beziehung zu dieser Region. Verglichen mit Münster war das hier ein radikaler Gegensatz. Münster ist völlig gesetzt, es war mir zu gutbürgerlich, zu festgefahren. Aus diesen Gründen hatte ich auch einen Ruf an die Uni Marburg abgelehnt. Halle war ungleich bewegter, auch die Leute. Ich habe selten so viele optimistische, hoffnungsfrohe und flexible Kollegen erlebt wie hier in kurzer Zeit.
Der Weinberg-Campus war gerade im Entstehen.
Dräger: Das erste Technologie- und Gründerzentrum war fertig, aber die Firmenansiedlung hatte erst begonnen. Man wusste noch nicht, was draus werden würde. Trotzdem fand ich: Das ist der richtige Platz für die Arbeit und fürs Leben.
Manche klagen, den Hallensern sei nicht hinreichend bewusst, was am Weinberg-Campus entstanden ist.
Dräger: Wahrscheinlich halten manche das immer noch für eine Art Planspielerei. Andererseits finde ich: Man kann auch rückwärts hintenüber fallen, wenn man vor Stolz nicht laufen kann. Zu viel Selbstzufriedenheit halte ich für gefährlich. Man kann schnell erstarren. Insofern ist ein gewisses Maß an Grundskepsis vielleicht gar nicht so schlecht.
Haben Sie sich schnell heimisch gefühlt in Halle?
Dräger: Ja, ich habe mich eigentlich von Beginn an hier wohlgefühlt. Anfangs wohnte ich mitten in der Innenstadt, jetzt wohne ich in der Nähe der Burg Giebichenstein, das empfinde ich als ideale Wohnlage.
Kommen wir zum Biodiversitätszentrum. Über Biodiversität wird seit einiger Zeit viel geredet. Erklären Sie erst noch mal, was damit gemeint ist.
Dräger: Biodiversität meint einfach den Fakt, dass gerade in tropischen Bereichen, aber auch bei uns, die Pflanzen nicht nur in einer Art vorkommen, sondern in vielen Arten, dass es von einer Gattung zig Arten gibt und von vielen Ordnungen zig Gattungen, oft nebeneinander in demselben Lebensraum.
Ist das so eine neue Erkenntnis?
Dräger: Nein, aber die Dimensionen sind bisher nur geschätzt für viele Lebensräume, etwa die Tropen. Und wir wissen weder, ob und wie uns diese Vielfalt nützen kann, noch wissen wir, wie wir sie erhalten können. Das Einzige, was wir wissen, ist: Die Vielfalt nimmt ständig ab und zwar rapide.
Sie meinen das berühmt-berüchtigte Artensterben.
Dräger: Wenn wir einen Quadratkilometer Regenwald roden, dann sind zahlreiche Arten ein für alle Mal verschwunden, einfach deshalb, weil sie nur an diesem einen Ort existiert haben. Nun kann man sagen: Es gibt genug Arten, vielleicht schadet es nicht. Ja, vielleicht. Wir wissen aber auch: Wir sind zunehmend auf Bioenergie angewiesen, auf neue Ressourcen. Bislang können wir nur sehr wenige Pflanzen nutzen. Das wird nicht reichen, wenn etwa die Ölvorräte erschöpft sind. Wir brauchen also Alternativen. Diese Alternativen stammen aus dem genetischen Reservoir, das uns die Erde bietet. Gleichzeitig dieses Reservoir zu zerstören, ist nicht besonders schlau.
Eigentlich erstaunlich, dass die Forschung in diesem Bereich noch sehr am Anfang steht. Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass Vielfalt eher nützlich ist.
Dräger: Fest steht: Ein Lebensraum, der vielfältig ist, puffert Angriffe von außen viel besser ab.
Ist es nicht Konsens, dass Monokulturen nicht so toll sind?
Dräger: Tatsächlich werden sie aber ausgebaut. Ich sehe keine Tendenz, das zu ändern. Die berühmte Streuobstwiese ist doch was ganz Seltenes.
Nun wird der Standort des Zentrums Leipzig sein. Sie sagen, es ist trotzdem ein Erfolg für Halle.
Dräger: Unbedingt. Anfangs wurde unter den Antragstellern kontrovers diskutiert, wo das Zentrum hin soll. Schließlich hat man externe Fachgutachter beauftragt, und die haben gemeinsam für Leipzig votiert. Die Empfehlung wurde angenommen und danach herrschte sofort Frieden unter den Beteiligten, was ich für eine große Leistung halte.
Die Wissenschaftler werden aber in Leipzig arbeiten.
Dräger: Die neu zu berufenen. Die Antragsautoren hier aus Halle bleiben in Halle. Klar, man kann sagen: Halle hat wieder verloren. Ich meine das ganz ausdrücklich nicht. Man wird intensiv zusammenarbeiten, und die räumliche Entfernung ist überbrückbar. Ich sehe hier eine neue Art der Zusammenarbeit und übrigens auch der Forschungsförderung: Gefördert wird nicht eine Hochschule, sondern eine Region mit ihren Forschungsstärken. Neben den Unis arbeiten ja auch außeruniversitäre Forschungsinstitute mit, aus der Max-Planck-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Helmholtz-Gemeinschaft. Das Zentrum wird den Kontakt zwischen Halle, Leipzig und Jena festigen.
Was lehrt uns das Thema Artenvielfalt?
Dräger: Wir wissen: Sie entsteht in der Evolution nicht durch Perfektion, sondern quasi durch Luschigkeit, durch Fehler. Das erinnert an ganz frühe Erkenntnisse zur genetischen Stabilität. Fehler bringen oft Nachteile, aber manchmal bringen sie eben auch den entscheidenden Vorteil. Das kann man übrigens auch auf die Stadt Halle beziehen. Die ist auch nicht perfekt. Und gerade das Nicht-Perfekte kann man schön finden. Es steckt mehr Potenzial drin als in einem ganz gesetzten Stadtviertel.