Bitterfeld: Lebensfreude pur

06.05.2012 18:33 Uhr | Aktualisiert 06.05.2012 19:30 Uhr
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Ein Bühnenprogramm

Zu den Akteuren des äußerst niveauvollen Bühnenprogramms gehörte auch die Gruppe der Lebenshilfe für geistig Behinderte aus Rotta. (FOTO: ANDRé KEHRER)

Von silke ungefroren
Ein großes Fest auf dem Bitterfelder Markt vereint Menschen mit und ohne Handicap bei anspruchsvollem Programm.
bitterfeld/MZ. 

"Ja, unser Köthen ist schön" hallt es über den Bitterfelder Marktplatz. Danach gibt es kräftigen Applaus - und der ist verdient. Schließlich hat die Kulturgruppe der Wohnstätte "Am Rathaus" der Lebenshilfe der Kreisstadt soeben ein Programm gezeigt, bei dem die Herzen warm wurden. Und das Publikum, das dafür gebührenden Lohn zollt, besteht ebenso wie alle Akteure auf der Bühne keineswegs nur aus Bitterfeldern. Aus dem gesamten Landkreis geben sich Programmgestalter und Besucher im Zentrum Bitterfelds ein Stelldichein.

Hier fand am Sonnabend das Fest der Lebensfreude statt. Eine Veranstaltung, die Menschen mit und ohne Handicap zusammenführen sollte und anlässlich des 20. Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen organisiert wurde. Und das ist ohne Zweifel gelungen.

Tobias Wagner hat sich mitbewegt beim Klang der Musik, soweit ihm das im Rollstuhl möglich ist. Der 24-Jährige ist mit seinen Eltern gekommen, wie die drei kaum eine Veranstaltung auslassen, bei der es Abwechslung gibt.

Großes Lob für die Angebote

"Wir haben den Termin gleich im Kalender notiert, als wir in der Zeitung davon gelesen hatten", sagt Marta Wagner. Ihr Mann Werner ist des Lobes voll über das, was hier gezeigt und geboten wird. Doch das ist nicht alles. Auch das, was sein Sohn in den Wolfener Werkstätten täglich an Förderung und Forderung erhält, könne nicht hoch genug geschätzt werden. "Was dort alles so gemacht wird."

Ein Teil davon ist am Stand der Diakonie nicht nur zu begutachten, sondern kann auch gekauft werden. Wunderschöne Keramik-Übertöpfe, Flaschenbehälter aus Holz, Blumengestecke und mehr zeugen von der Fingerfertigkeit und dem handwerklichem Geschick, was die Behinderten an den Tag legen.

Dazu gehören auch die Frauen und Männer aus der Wohngruppe der Caritas Trägergesellschaft Sankt Mauritius, die im Haus Johannes in Bitterfeld leben und tagsüber in Wolfen arbeiten gehen. Heute sind die Bewohner, die zwischen Mitte 20 und 70 sind, mit Betreuer Lutz Stollberg zum Fest gekommen.

So viel Normalität wie möglich

"Nicht nur im Haus versuchen wir, dass sich die Leute wie zu Hause fühlen", erklärt er gegenüber der MZ. "Denn das große Ziel ist Normalität, und dazu gehört auch, möglichst viel unterwegs zu sein und am Leben teilzuhaben."

Dieses Ziel verfolgt unter anderem auch der Beirat für Menschen mit Behinderungen des Landkreises Anhalt-Bitterfeld, auf dessen Initiative das Fest zurück zu führen ist. Der Protesttag wird jährlich begangen, in den letzten Jahren jedoch meist mit Fachtagungen. Nach der Kreisgebietsreform war es Beiratsmitglied Marco Groebe aus Zerbst, der immer wieder darauf drängte: "Vergesst die Kultur nicht." Und so entstand die Idee schon vor etwa vier Jahren, wie Beiratsvorsitzende Dagmar Zoschke erklärt. "Weil das, was die Behinderten können, zu schade ist, um im stillen Kämmerlein im kleinen Kreis zu präsentieren", begründet sie die Aktion.

Da dafür aber nicht nur guter Wille, sondern vor allem Finanzen vonnöten sind, wurde ein Antrag beim Landkreis auf Förderung aus dem Bundesprogramm Vielfalt gestellt, der genehmigt wurde. Man tat sich mit dem Wolfener Spielmannszug, dem Verein Kinderland Sachsen-Anhalt, dem Städtepartnerschaftsverein Bitterfeld und dem VfL Eintracht zusammen, und gemeinsam mit vielen Helfern und Sponsoren wurde das Ganze dann gestemmt. Die Projektleitung oblag Kinderland, der mit Helgard Neumann eine geübte Organisatorin einsetzte. Und die zeigt sich trotz der Anspannung der vergangenen Monate, die am Sonnabend ihren Höhepunkt fand, fast gerührt. "Ich habe schon viele Feste mit vorbereiten dürfen", sagt sie. "Doch ich bin noch nie so viele offene Türen eingelaufen wie diesmal, wenn ich gesagt habe, worum es geht."

Und so gehört zu den Angeboten noch viel mehr als kulturelle Leckerbissen. Vor allem die Jüngsten nutzen die Stände zum Basteln und Spielen und die Hüpfburg.

Dass beim Auftritt der Blind Foundation aus Frankfurt / Main aus anfänglichen Regentropfen schon kräftiger Guss geworden ist, stört die Besucher nicht. Sie flüchten ins Zelt und sind begeistert von der Musik der Band, von deren Mitgliedern drei blind sind.