Petra Wust (FOTO: MZ)
Viel Kritik wurde in der MZ-Serie in Richtung Stadtverwaltung laut. Lisa Garn sprach mit der Oberbürgermeisterin Petra Wust (parteilos) über die kritischen Stimmen und den weiteren Weg Bitterfeld-Wolfens.
Wie beurteilen Sie die teilweise heftige Kritik?
Wust: Da wurde etwas behauptet, was gar nicht stimmt. Und das ist ebenso ein Schlag ins Gesicht von Stadträten, anderen Ehrenamtlichen, Firmen und Investoren. Man hatte fast den Eindruck, als ob die Verwaltung der Fußabtreter der Nation ist. Auch die Mitarbeiter der Verwaltung fühlen sich angegriffen. Dabei machen sie ihre Arbeit wie in jeder anderen Firma auch.
Und fühlen Sie sich angegriffen?
Wust: Jeder soll seine Meinung sagen. Aber was da kam, fand ich schlimm. Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Stadt so schlecht geredet wird.
Was ist denn positiv gelaufen?
Zunächst die Entwicklung an der Goitzsche, eine halbe Million Menschen kommen jedes Jahr. Wir haben eine schlankere Verwaltung, Eigenbetriebe sind in einer Hand, der Chemiepark auch. Da geht also insgesamt vieles schneller. Und Bitterfeld-Wolfen ist eine Stadt, die Gewicht hat.
Bei wem?
Wust: Der Name ist ein Synonym für den Wandel im Osten. In den fünf Jahren hat sich Bitterfeld-Wolfen zu einem Anziehungspunkt für den Tourismus entwickelt. Beim Hafenfest waren 30 000 Menschen.
Ist die Goitzsche das einzige Pfund, mit dem man wuchern kann?
Wust: Wir sind ein ganz wichtiger Wirtschaftsstandort in Sachsen-Anhalt. Das Angebot ist breit, das ist ein absoluter Standortvorteil. Hinzu kommt: Wir haben mehr Arbeitsplätze als Menschen im sozialversicherungspflichtigen Alter. Insgesamt liegen die Steuereinnahmen bei zirka 20 Millionen Euro.
Aber das Solar Valley erlebt gerade eine Talfahrt...
Wust: Das bedeutet nicht das Ende, davon bin ich überzeugt. Die Entwicklung wird dahin gehen, dass die Solarfirmen mehrere Standbeine aufbauen müssen.
Einer der Kritikpunkte ist, dass die Ortsteile nichts von der Fusion gehabt hätten.
Das stimmt nicht. Es wurden 200 Millionen Euro investiert, das schließt Geld von städtischen Gesellschaften ein. Und von diesen Mitteln hat jeder Ortsteil etwas gehabt. Wir haben die Schulen in Ordnung gebracht, in Kitas und Sportstätten investiert.
In Wolfen-Nord denkt man, der Stadtteil werde platt gemacht...
Wir verlieren Einwohner, darauf muss man reagieren. Wenn die Häuser leer stehen, werden sie zu Ruinen, da zieht dann keiner mehr hin. Ohne den Abriss hätte Wolfen-Nord weniger Chancen. Das Areal ist schön geworden, es gibt viel Grün, neue Häuser...
Der neue Mietspiegel und mit ihm höhere Mieten stehen in der Kritik. Was sagen Sie dazu?
Wust: Die Stadt hat den Mietspiegel nicht in Auftrag gegeben, sondern Interessensvertreter unter anderem von Vermietern, den haben Experten erarbeitet.
Sie sitzen im Aufsichtsrat der WBG - hätten Sie Erhöhungen im Sinne der Bürger nicht verhindern müssen?
Wust: Wohnungsunternehmen sind Wirtschaftsunternehmen. Sie müssen auch an den Gewinn denken und Geld erwirtschaften, damit die Häuser in Schuss gehalten und laufende Kosten gedeckt werden können.
Thalheim fühlt sich um Millionen für ein Sport- und Kongresszentrum betrogen und klagt gegen die Stadt.
Wust: Ja, und ich sage: Wir haben in Thalheim jede Menge investiert. Die Halle war kein Bestandteil des Gebietsänderungsvertrages und dazu kommt: Das Konzept war unklar. Die Stadt kann es nicht bauen.
Noch ein Problem: In Holzweißig gibt es keinen Einkaufsmarkt.
Wust: Der alte Markt war schon vor der Fusion weg. Wir haben versucht Investoren zu finden, bisher ohne Erfolg. Wir bemühen uns aber weiter.
Dann ist alle Kritik unberechtigt?
Wust: Es gibt Nachholbedarf, allein bei den Straßen und in den kleineren Orten. Aber wir können bei der angespannten Haushaltslage nicht alles umsetzen.
Wo liegen die künftigen Schwerpunkte?
Wust: Die Infrastruktur aufrecht zu erhalten, ist das A und O. Die Schlüsselprojekte müssen weiter voran getrieben werden. Und wir wollen neue Investoren finden, die an der Goitzsche weitere Freizeitangebote schaffen. Die geplanten Erschließung zur Bundesstraße ist dabei die Voraussetzung. Eine Vision ist, dass man von der Goitzsche aus mit dem Paddelboot in die Stadt kommt: Bitterfeld-Wolfen als Stadt am Wasser. Auch die Wolfener Altstadt steht im Fokus: Ein Modell wäre eine Wohnsiedlung, die keine Energie aus dem Netz braucht. Weiterhin sind durch Investoren gemeinsam mit der Stadt zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen. Nur mit diesen Schwerpunkten kann man auch der Abwanderung entgegenwirken.
Was geben Sie Kritikern auf den Weg?
Wust: Man muss der Stadt Zeit geben - 5 Jahre, das ist ja keine Zeit. Und das Auseinandertreiben im Kopf ist schädlich.