Zeit ist Geld: Umleitungen sind häufig überlastet. (FOTO: HEIKO REBSCH)
So hatte sich Werner Loeser aus der Nähe von Schweinfurt das nicht vorgestellt. Der Endfünfziger steuert das Begleitfahrzeug für einen Spezialtransport, der 40 Tonnen Holz aus Franken nach Sachsen-Anhalt schleppt. Eigentlich sollten die Bretter schon auf dem Dach eines neuen Supermarktes bei Magdeburg liegen. Doch jetzt steckt die Fuhre fest auf dem wegen Überfüllung gesperrten Autobahn-Parkplatz Kabelsketal im Saalekreis. Grund ist der Abriss einer einsturzgefährdeten Brücke über die A 14 - seit Tagen Auslöser von Staus im Raum Halle.
Nach Einbruch der Dunkelheit soll - wie in der Nacht zuvor - ein Konvoi aus 20 bis 30 Fahrzeugen zusammengestellt werden, haben die Fahrer gehört. Dann will die Polizei die Lastzüge mit ihren überbreiten Ladungen auf eine tagsüber stark frequentierte Ausweichstrecke in Richtung Bernburg bugsieren. Hans Meer aus Villach in Österreich, der sonst 480 PS im Zaum hält, blättert ungläubig in einem mehrseitigen Fax der Polizeidirektion Halle. Das Schreiben verpflichtet ihn zum Zwangsstopp auf dem Parkplatz, obwohl der Trucker doch ganz eilig nach Bremerhaven muss. Eine riesige Recycling-Anlage soll nach Brasilien verschifft werden. "Nun hat der Kahn wahrscheinlich schon abgelegt." Damit könne er das Wochenende daheim abhaken. "Ich muss auf das nächste Schiff warten."
Andere Fahrer, unter anderem aus Polen, Tschechien und Ungarn, üben sich in Geduld beim Fernsehen oder sie nehmen einfach eine Mütze voll Schlaf. Viel Zeit haben aber vor allem die Crews der tiefgelegten Sattelschlepper, die Trafostationen für einem Energieversorger im Norden geladen haben. Diese Spezialfahrzeuge brauchen viel Platz auf der Straße. Deshalb könnten sie, so die Polizei, auch nicht in Richtung Umleitung gelotst werden. Auf der fast 50 Kilometer langen Strecke würden sie vielfach die Kurven nicht kriegen und im wahrsten Sinne des Wortes an Häusern oder Bäumen hängenbleiben. So bleibt nur übrig: Warten auf die Freigabe der A 14.
Als besonderes Nadelöhr erweist sich voraussichtlich eine Überfahrt in Höhe der Ortschaft Rieda bei Zörbig (Landkreis Anhalt-Bitterfeld). Nach den Vorgaben der Polizei darf diese Brücke wegen drohender Überlastung nur von jeweils einem Lkw befahren werden - im Schritt-Tempo.
Einem holländischer Fahrer, der seinen Namen nicht nennen will, stehen nach der unfreiwilligen Mittagsruhe die Haare zu Berge. Seit 16 Stunden wartet der Mann aus Rotterdam, dass es endlich weitergeht. Der ehemalige Matrose flucht wie ein Klabautermann: "Meine Frau erwartet ein Kind und ich sitze verdammt noch einmal hier, wo es außer Wind nichts gibt." Hätte man keine Kaffeemaschine und Vorräte an Bord, würde man in Sachsen-Anhalt wahrscheinlich verhungern, sagt er
Tatsache ist: Dieser Autobahnparkplatz im Kabelsketal, dessen Ausstattung sich auf ein Toilettenhäuschen und Abfallkörbe beschränkt, besitzt keinerlei Anschluss an das Hinterland - außer ein Notruf-Telefon. Der nächste Laden, wo man Lebensmittel einkaufen könnte, befindet sich im drei Kilometer entfernten Gröbers. Aufgesparte Kekse und Zigaretten machen die Runde. Man lenkt sich damit ab, über die Ergebnisse der Fußball-Europameisterschaft zu palavern.
Kein Thema ist hingegen, ob man die schriftliche Anordnung der Polizei vielleicht ignorieren und auf eigene Faust seinen Weg suchen könne. Die Bußgelder seien happig und gingen womöglich in die Tausende, wehren die Trucker ab. In Deutschland verstehe man, so ihre Erfahrung, überhaupt keinen Spaß, wenn es um Recht und Gesetz gehe.
Auch auf die naheliegende Variante, einfach über das Schkeuditzer Kreuz auf die Autobahn 9 in Richtung Berlin zu rollen, kommt deshalb keiner der Fahrer. Es wären zwar nur 112 Kilometer Umweg, aber ohne amtliche Erlaubnis sei das nicht zu machen. Und das Nachbarland Brandenburg erteile den wartenden Speditionen, sagen sie, derzeitig keine zusätzlichen Genehmigungen für Schwertransporte.