Der Brief ist nüchtern-sachlich verfasst, hat zwei Seiten - und stellt mal eben 30 Leben auf den Kopf. "Abrisskündigung aus berechtigtem Interesse": Jürgen Centiny hält das Papier in seiner kleinen Küche fassungslos in die Höhe. "Wissen die eigentlich, was man uns hier antut?" Centinys Wut richtet sich gegen die Dessauer Wohnungsbaugesellschaft, die Ende Juli ihren langjährigen Mietern in der Ziebigker Elballee gekündigt hat. Zum 31. Mai 2013.
Willi Scheibel ist 73 Jahre. Seit 48 Jahren wohnt der Rentner in der Elballee. "Kinder, Enkel, Urenkel: Alle sind hier groß geworden." Heinz Ahn ist 73 Jahre. "Wie lange ich hier wohne?" Der Botaniker muss nicht überlegen. "2012 sind es 50 Jahre." Jürgen Centiny zählt 71 Jahre und wohnt seit 45 Jahren in der 53 Quadratmeter großen Drei-Zimmer-Parterre-Wohnung. "Eigentlich bin ich schon 70 Jahre in der Elballee zu Hause." Anfangs in der 100. Heute in der 84.
Artikel aus dem Jahr 2002
Zusammen mit ein paar anderen sitzen die drei Männer hinter ihren Häusern in der Elballee - und sind verzweifelt. "Das können die doch nicht mit uns machen?! Haben die vergessen, dass hier Menschen wohnen", schüttelt Scheibel den Kopf. "War hier mal einer draußen? Hat sich das hier mal einer angeschaut?", schimpft Centiny und legt einen MZ-Artikel auf den Tisch. Vom 19. Juni 2002. "Mieter besorgt über Leerstand im Viertel" stand vor zehn Jahren über dem Beitrag. "Es schmerzt sehr, wenn man mit ansehen muss, wie aus einem einst attraktiven Wohnviertel mit relativ guten Wohnungen eine verödete Landschaft wird", hatte Centiny damals geklagt - und der DWG ein Bekenntnis abgerungen. "Wir", sagte Walter Matthias, damals wie heute Sprecher von Dessaus größtem Vermieter, "stehen zu diesem Standort."
Äußerlich ist seither nichts passiert in der Elballee. "Man hat uns aber immer im Glauben gelassen, dass unsere Blöcke saniert werden", sagt Centiny. Vor zwei Jahren hatte der Rentner einen Antrag gestellt, um neue Fenster zu bekommen. "Wissen Sie, was die geantwortet haben? Das wird mit der Gesamtsanierung mitgemacht." Sein Urteil ist vernichtend. "Ich sage, die DWG hat einfach kein Konzept. Und es wird alles vom Schreibtisch aus entschieden."
30 Mieter gibt es noch in den vier Wohnblöcken in der zweiten Reihe der Elballee. Editha Perl ist eine von ihnen. Am 1. Mai 1953 ist die 86-Jährige in die Elballee eingezogen und beobachtet das Treiben im Hof vom Fenster aus. "Einen alten Baum verpflanzt man nicht", ist Perl traurig über die Kündigung, die kommentarlos im Briefkasten lag. Keiner widerspricht. "Wo sollen wir denn hin?", fragt Centiny. "Die können uns ja nicht mal Wohnungen anbieten."
Die Mieter haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Elballee eingerichtet. Centiny hat sich vor zwei Jahren eine neue Küche gekauft. Das Bad ist saniert. "Alles genehmigt von der DWG." Die Garagen sind in der Nähe. Zwischen den Blöcken haben sich die Bewohner idyllische Kleingärten angelegt. Alles umsonst?
"Wir werden kämpfen - mit allen Mitteln. Abreißen um jeden Preis, das machen wir nicht mit", sagt Scheibel. Die Senioren haben eine Petition an Oberbürgermeister Klemens Koschig verfasst und eine Eingabe an die Geschäftsführung der DWG verschickt. Bislang ohne Reaktion. Dienstag, 18 Uhr, sind Stadträte vor Ort. Denen wollen Centiny, Scheibel und Ahn einen Alternativvorschlag machen: Statt der vier Wohnblöcke in der Elballee sollen nur zwei abgerissen werden. "Das hat Vorteile", sagt Centiny. Die Mieter der abzureißenden Blöcke könnten in die bleibenden Blöcke einziehen. "In Wohnungen, die teilweise schon saniert sind", sagt Scheibel. Die Wohnblöcke wären wieder ausgelastet. "Mit diesem Vorschlag lässt sich richtig Geld sparen." Und: Ein idyllisches Wohn-Carree wäre gerettet. "Alle Mieter", sagt Centiny, "würden in ihrem vertrauten Umfeld bleiben."
Fördermittel sind beantragt
Wie realistisch dieser Vorschlag ist, ist schwer zu sagen. In den "Abrisskündigungen" hat die DWG mitgeteilt, "dass die Abrissgenehmigung und die Fördermittel für den Abriss bereits beantragt sind".