Dessau-Roßlau: Arm durch Arbeit als Missstand

01.05.2012 20:39 Uhr | Aktualisiert 01.05.2012 22:37 Uhr
Drucken per Mail
Kundgebung und Maifeier

Zur Kundgebung und Maifeier trafen sich gestern die Teilnehmer im Dessauer Stadtpark. (FOTO: SEBASTIAN)

Von DANNY GITTER
Zur Kundgebung am 1. Mai im Stadtpark stand ein Unternehmen bei fast allen Rednern im Fokus: Am Montag ist das Insolvenzverfahren bei der FTD Fahrzeugtechnik GmbH CTF mit ihren 110 Beschäftigten offiziell eröffnet worden.
DESSAU/MZ. 

Peter Kapitzke hat zur Kundgebung am 1. Mai im Stadtpark sein persönliches Unwort 2012 schon gefunden. "Arm durch Arbeit beschreibt einen Zustand, der ein Missstand erster Güte ist", so der Betriebsratsvorsitzende der DB Fahrzeuginstandhaltung GmbH in Dessau-Süd. Dass dies nicht nur eine gefühlte, sondern durch Fakten belegte Realität ist, untermauerte Kapitzke in seiner Rede mit harten Zahlen. So ergab eine repräsentative Telefonbefragung im letzten Sommer zum Fachkräftesicherungspakt zwischen der Landesregierung, Arbeitgebern und Gewerkschaften von über 1100 Beschäftigten aller Branchen im Land ein Lohnniveau von nur 77 Prozent gegenüber den alten Bundesländern. Fast jeder zweite Beschäftigte zwischen Altmark und Mansfelder Land verdient weniger als 1500 Euro Brutto. Im Osten kommt sogar jeder dritte Vollzeitbeschäftigte nicht über diese Grenze.

Nicht nur im Dienstleistungssektor, sondern auch in der Produktion greift diese Entwicklung immer mehr Raum. Die Folge ist eine tief empfundene Unzufriedenheit mit der örtlichen Wirtschaft. Dennoch, und das ergab auch die Studie, gibt es eine hohe Identifikation mit der eigenen Arbeit und den Kollegen im Betrieb. Trotzdem, wer kann, und das sind vor allem junge und ungebundene qualifizierte Beschäftigte, zieht den höheren Löhnen hinterher. "Angemessene Gehälter sind eine wichtige, wenn auch nicht alleinige Antwort auf den bereits bestehenden Fachkräftemangel", betont Kapitzke.

Zufrieden zeigt sich der Eisenbahngewerkschafter mit dem jüngsten Tarifabschluss im öffentlichen Dienst. Dieser hat für ihn auch Signalwirkung für die kommenden Verhandlungen anderer Einzelgewerkschaften. "Nach Zeiten der Lohnzurückhaltung ist es nur legitim die Beschäftigten am Aufschwung zu beteiligen."

Ein Unternehmen stand bei fast allen Rednern am Dienstag im Fokus. Am Montag ist das Insolvenzverfahren bei der FTD Fahrzeugtechnik GmbH CTF mit ihren 110 Beschäftigten offiziell eröffnet worden. "Der Betrieb wurde systematisch herunter gewirtschaftet", fand Kapitzke klare Worte. Von krimineller Energie durch ausbleibende Lohn- und Gehaltszahlungen und Verstößen beim Umwelt- und Arbeitsschutz sprach im Zusammenhang mit der Fahrzeugtechnik auch Holger Hövelmann, SPD-Landtagsabgeordneter. Oberbürgermeister Klemens Koschig sieht durch die Insolvenz die Fahrzeugtechnik "endlich im ruhigen Fahrwasser".

Die von Koschig erklärte "Chefsache" und "Initiative" der Stadt, kontert Kapitzke: "Mittlerweile hat ein Gespräch mit dem OB stattgefunden, allerdings nicht auf Initiative der Stadt. Die Frage ist sicherlich berechtigt: Sieht die Stadt nur aus der Ferne zu, oder findet hier doch noch Wirtschaftspolitik statt?" Frank Hoffmann, Landtagsabgeordneter der Linken, geißelte den konjunkturellen Aufschwung als ein "deutsches Jobwunder durch die Zunahme schlecht bezahlter und prekärer Jobs." Sein Rezept: Ein neues Vergabegesetz.