Das Bauhaus Dessau widmet dem revolutionären Designer und Architekten Breuer eine großeAusstellung. (FOTO: ARCHIV/DPA)
Zu den ikonenhaften Bildern des historischen Bauhauses in seiner Dessauer Zeit gehört das Porträt von Marcel Breuer (1902-1981) auf dem „Wassily-Sessel“. Der Jungmeister und Leiter der Metallwerkstatt nimmt auf der elementar abgemagerten Sitzgelegenheit in demonstrativ entspannter Pose Platz. Die Beine übereinander geschlagen und die Arme über die Lehne gestreckt. Nichts weniger als eine Revolution des Geschmacks und des Lebensstils wird mit diesem Foto verkündet. Breuer war kein Mann der vielen Worte. Aber ein paar findet er doch, um einem traditionsverhafteten Publikum seine „aus Stahlrohr konstruierten Skelettmöbel“ schmackhaft zu machen. (Kandinskys Vornamen hängten ihm erst viel später die italienischen Möbelschmieden an, als sie die Massenproduktion ernsthaft begannen.)
„Man hört“, sagt er beschwichtigend, „sie seien kalt, krankenhausmäßig, sie erinnerten an einen Operationsstuhl.“ Doch das polsterverwöhnte Publikum möge bedenken, dass das neue Wohnen auch neue Möbel brauche, nicht mehr „massig, monumental, scheinbar festgewachsen“, sondern „luftig durchbrochen“, sozusagen „in den Raum gezeichnet“, obendrein „veränderlich, beweglich und verschieden kombinierbar.“
Metall, nicht Holz sei daher das Maß der Dinge. An die Stelle „schwerer Polsterung“ treten „straffgespannte Stofffläche und einige leicht dimensionierte, federnde Rohrbügel.“ Geringes Gewicht, erhöhte Beweglichkeit, zerlegbare Teile: „Diese Metallmöbel sollen nichts anderes als notwendige Apparate heutigen Lebens sein.“
Die Ausstellung, die das Vitra Design Museum Marcel Breuer gewidmet hat und die jetzt mit dem Dessauer Bauhaus eine weitere Station ihres Weges erreicht, stellt den weltbekannten und epochemachenden Designer in den Zusammenhang seines Gesamtwerks. Und das zeigt sich, wie auch seine Biografie, zweigeteilt: den Möbeldesigner, als der er vor dem Krieg in Europa Furore machte, und den Architekten, der danach vor allem in Amerika reüssierte.
Diese Aufteilung drängt sich in der Tat auf, denn nach seiner Emigration im Jahr 1937 war er als Harvard Professor, Gropius-Sozius und schließlich eigenständiger Architekt nur noch mit Bauen beschäftigt. Aber der ausgebildete Tischler, der als 18-Jähriger aus Ungarn ans Weimarer Bauhaus kam, war ein durch und durch architektonisch denkender Geist. Falls der „Afrikanische Stuhl“ aus der frühen, esoterischen Phase des Bauhauses wirklich von ihm ist (was Ausstellungskurator Mathias Remmele offenbar bezweifelt), geht dem ein Moment irrlichternder Formsuche voraus. Doch die hat nicht lange gedauert.
Die Ausstellung, zu der auch die Stiftung Bauhaus etliche Stücke aus ihrer Sammlung beisteuert, zeigt ihn mit der kantigen Erscheinung seiner ersten Stühle auf der Suche nach jener „Klarheit“, die für ihn auch das Prinzip von moderner Architektur ist: „Die Betonung der Konstruktionsgesetze und der praktischen Funktionen“ und weiter der „bewussten Einfachheit“ und des „Verzichts auf irrationale Formen.“
Und dann verfolgt er diese Prinzipien mit so gut wie allen Materialien, die für die Aufgabe damals zur Verfügung standen, wie Remmele auch durch die Fülle und Breite von Breuers Möbeln deutlich macht. Doch es sind die Stahlrohrstühle, mit denen er eine auch materialästhetische Revolution auslöste. Eine, deren Erzeugnisse heute die alltägliche Lebenswelt ausfüllen. Doch ihr Durchbruch ist ein Nachkriegsphänomen.
Umso beachtlicher, dass die Ausstellung auch noch einmal manches Schlaglicht auf fotografische Dokumente der ursprünglichen Ausstattung der Dessauer Meisterhäuser wirft. Bei der Stiftung werden Überlegungen angestellt, perspektivisch das Haus Klee-Kandinsky mit Breuerschem Mobiliar auszustatten und sei es in Kopie.
Die Ausstellung tut mit Modellen und einigen effektvoll raumgroß aufgezogenen Fotos ihr Möglichstes, auch den Architekten Breuer verständlich zu machen. Freilich, um eine Reise in die USA wird man nicht umhin kommen, auch wenn Breuer mit der keramischen Wabenfassade des Kaufhauses Beijenkorff in Rotterdam oder einer Hotelanlage in Chamonix auch in Europa Spuren hinterließ. Vermutlich stellen seine beiden eigenen Villen seine Absichten in Reinkultur dar, wie es überhaupt die Villen waren, für die er sein Klientel fand. Villen, die mit Flachdächern, aber auch mit damaligen technischen Neuheiten wie der Hyparschale und der paraboloiden Dachform in ihrer landschaftlich freien Lage kühne Zeichen setzen - zu kühne auch, denn die frei schwebende Terrasse seiner zweiten eigenen Villa musste mit Stützmauern vor dem Einsturz gerettet werden.
Breuer erweist sich aber auch als ein Erbauer von Kirchen, die mit nacktem Beton und weiten, stützenlos überspannten Räumen eine spirituelle Überwältigung anstreben. Während Breuer in seinen Villen letzten Endes auf Mies van der Rohe zurückgeht, begegnet er dem amerikanischen Kirchgänger mit einer stupenden Eigenwilligkeit, die bombastische Motive nicht scheut, etwa eine gewaltige Betonscheibe als Glockenturm. Doch zurück in die Bauhaus-Zeit: Die Ausstellungsmacher stellen an einem Modell seiner nie ausgeführten „Jungmeistersiedlung“ die Frage, was hätte sein können. Gegenüber vom Bauhausgebäude hat Breuer Kritik am Luxus der Meisterhäuser üben wollen, und hätte eine Architektur geschaffen in perfekter Einheit mit seinen Möbeln.
Bis zum 31. Oktober täglich 10-18 Uhr, Katalog 53,90 Euro