Olaf Bernhardt (l.) und Tarik Exner fachsimpeln auf der Dessauer Bahnhofsbrücke über das Rennen. (FOTO: SCHAARSCHMIDT)
Olaf Bernhardt hat sie alle gesehen. Er weiß, wovon er spricht. "Es gibt zwei Arten von Seifenkistenpiloten", sagt der 49-Jährige, "die Mutigen und die Ängstlichen." Alle aber würde eine Eigenschaft einen. "Hinterher", lächelt Bernhardt, "wollen sie alle nicht wieder aufhören."
Bernhardt ist ein alter Hase des Anhaltischen Seifenkistenrennens. Seit der ersten Auflage im Sommer 2003 und natürlich auch am Samstag beim 10. Jubiläumsrennen ist der Produktionsleiter der Werkstatt für behinderte Menschen in Dessau (WfbM) unverzichtbarer Teil der Großveranstaltung. Egal ob in der Vorbereitung, der Kistenproduktion, dem Training, der Seifenkistenwerkstatt im Rathauscenter oder am Tag des Rennens - Olaf Bernhardt lassen die tollkühnen Nachwuchspiloten und ihre Kisten nicht mehr los. "Es ist immer wieder schön, die Begeisterung der Kinder, ihren Mut und Siegeswillen zu sehen", sagt Bernhardt, für den es den einen schönsten Moment bei den bisherigen neun Ausgaben deshalb auch gar nicht geben kann. "Es sind einfach zu viele."
Erster Sieger 2003
Kein Wunder bei fast tausend Piloten, die im vergangenen Jahrzehnt erst in der Ludwigshafener Straße (2003) und dann an der Dessauer Bahnhofsbrücke (seit 2004) an den Start gingen. "Ich kann mich noch genau an jedes einzelne Rennen erinnern", lächelt Bernhardt, "aber mit den Gesichtern wird es langsam schwierig."
Tarik Exner ist da keine Ausnahme. "So ein bisschen kenne ich ihn noch", gibt Bernhardt zu, "aber sein Start ist glaube ich schon eine Weile her." Womit Bernhardt richtig liegt. Denn der heute 17 Jahre alte Exner war 2003 der erste Sieger beim Anhaltischen Seifenkistenrennen. Über die von der CDU gesponserte Seifenkiste seines Vaters fand der junge Exner damals den Weg in den Kinderrennsport. "Es war schon ziemlich aufregend, doch ich habe bis heute nicht vergessen, wie viel Spaß es gemacht hat." Als Sieger der Dessauer Veranstaltung nahm Tarik Exner wie viele andere seiner Nachfolger auch an den Deutschen Meisterschaften in Berlin teil. "Da habe ich dann leider etwas früh gebremst", blickt Exner zurück. Es wurde Rang zwei. Die Pokale stehen noch heute im Zimmer des Jugendlichen, in der Erinnerung ist ihm auch noch ein ganz bestimmtes Gefühl geblieben. "Es war zum ersten Mal, dass man alleine ganz schnell gefahren ist." Nach einem weiteren Start bei der zweiten Auflage 2004 endete Exners kurze aber erfolgreiche Karriere in der Seifenkiste. Verwehrt blieb ihm nur der Sprung ins Mekka der Sportart nach Amerika. Dort, im Bundesstaat Ohio, findet jedes Jahr die Weltmeisterschaft im Seifenkistenrennen statt.
"Der absolute Wahnsinn, nicht zu vergleichen", schwärmt Olaf Bernhardt, der schon mehrmals Dessauer Piloten in die USA zum Jahreshöhepunkt begleitet hat. "Man darf ja nicht vergessen, dass es dort ein bisschen wie in Wimbledon ist. Die Anlage wird nur einmal im Jahr eine Woche lang befahren, eben zur Weltmeisterschaft."
Start um 10 Uhr
Umso höher sei einzuschätzen, was das knapp 35 Mann starke Team um Organisationschef Dirk Rödiger und Olaf Bernhardt jedes Jahr an der Dessauer Bahnhofsbrücke auf die Beine stellt. An nur einem Tag werde eine komplette Infrastruktur errichtet - und bis zum Abend wieder abgebaut. So auch am Samstag, wenn gegen 10 Uhr der erste Startschuss ertönt. Erstmals wird an einem Sonnabend auf der rund 220 Meter langen Strecke gefahren. Das dürfte den gut 100 Piloten noch mehr Zuschauer verschaffen. Doch egal, wie viele das Rennen verfolgen, in einer Kiste, erinnert sich Tarik Exner, sei man trotzdem auf sich allein gestellt.
Der erste Sieger weiß, worauf es ankommt. "Wenig lenken und nicht zu früh bremsen." Olaf Bernhardt kennt dieses Geheimnis. Und er weiß auch, was jedem Pilot durch den Kopf geht, wenn er die Strecke heruntersaust. "Es ist das Gefühl: Ich kann fahren."